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Short stories - Alles außer Sport

 

Alles nur ein Spiel
Februar 2008 - by Oliver Keck

Für Tim war der Tag gelaufen. Er war bedient und zwar restlos. Statt mit den Kumpels auf den endlich mal wieder zugefrorenen Badeseen Eishockey zu spielen, hatten ihn seine Eltern dazu verdonnert auf seine kleine Schwester aufzupassen. Er konnte es einfach nicht fassen. Warum taten sie ihm das an. Es war Sonntag und ein wunderschöner, eiskalter Wintertag und er musste auf dieses Balg aufpassen, damit seine Eltern einen schönen Nachmittag bei Freunden verbringen konnten. Er hasste Sophie! Sie war so plötzlich in sein Leben geplatzt und hatten ihn bei seinen Eltern in die zweite Reihe geschoben. Obwohl sie sich alle Mühe gaben, ihre Kinder gleich zu behandeln, spürte er immer wieder, dass Sophie die heimliche Nummer Eins war.
Immerhin trauten sie dem zehn Jahre älteren großen Bruder soviel zu, dass er zwar mit seiner Familie zu den Bekannten fahren musste, dort aber mit seiner kleinen Schwester ins Freie zum Spielen gehen durfte. Toll! Er hatte keinen Plan, was er mit seiner kleinen Schwester anstellen sollte. Er kannte sich hier auch kein bisschen aus. Er stapfte missmutig neben seiner kleinen Schwester durch den Schnee und zog sie mehr hinter sich her, als dass er mit ihr spazieren ging. In einem kleinen Waldstück entdeckten sie plötzlich den Schacht einer stillgelegten Kohlgrube, vor dessen Eingang Schilder vor dem Betreten warnten.
„Schau mal, Sophie. Eine Höhle. Sollen wir verstecken spielen?“
„Au ja, klasse. Ich verstecke mich in der Höhle und du musst bis 100 zählen und mich dann suchen kommen. OK?“
„Natürlich. Los lauf schon.“ Tim drehte sich um und lauschte den sich rasch entfernenden Schritten. Sophie eilte in den Schacht und einen Sekundenbruchteil später, hörte er ihren angsterfüllten Schrei, der rasch leiser wurde und schließlich ganz verstummte. Tim starrte gebannt auf das Schild, das vor einer tiefen Grube wenige Meter nach dem Eingang des Schachtes warnten. Seine Augen glitzerten boshaft. Vielleicht hätte er das Balg zurückhalten sollen. Aber sie wollte ja unbedingt spielen.
Völlig aufgelöst lief er zurück zu seinen Eltern und erzählte ihnen, dass Sophie in die Höhle gelaufen war, um Verstecken zu spielen, obwohl er dagegen war. Er stand gerade hinter einem Baum, um sich zu erleichtern, als sie einfach davon lief. Tim führte die Rettungskräfte zu der Unglücksstelle. Sie konnten die kleine Sophie nur noch tot bergen. Tim brach in Tränen aus, seine Mutter war eine gebrochene Frau. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden, seine Mutter hatte sich aber nie ganz von dem Schock erholt.

Tim wusste nicht, warum er gerade jetzt, zwanzig Jahre nach dem verhängnisvollen Nachmittag, wieder an seine kleine Schwester denken musste. Es hatte nicht lange gedauert und er glaubte selbst die von ihm erfundene Geschichte. Er schüttelte sich auf dem Fahrersitz seines neuen Audi A4 wie ein nasser Hund und hätte beinahe das Lenkrad verrissen. Er verdrängte die düsteren Gedanken.
Das hätte mir gerade noch gefehlt, wenn ich jetzt einen Unfall mit dem neuen Wagen bauen würde. Außerdem will ich doch meine neue Flamme nicht warten lassen.

Er hatte Sabine vor gut einer Woche kennengelernt, als er nach dem Kino mit seinen Kumpels noch etwas Trinken gegangen war. Die langbeinige Rothaarige an der Theke war ihm direkt ins Auge gestochen. Der kurze schwarze Rock, die enganliegende Bluse und die langen Stiefel, die sich wie eine zweite Haut um ihre vollendeten Beine schmiegten, betonten ihre außergewöhnlich gute Figur. Mit einem Wort: bei ihrem Anblick verschlug es einem die Sprache. Ihre schlanken Finger, die in schwarzen Samthandschuhen steckten, rührten gelangweilt in einem großen Pott Kaffee. Scheinbar zufällig trafen sich ihre Blick im Spiegel hinter dem Tresen.
Obwohl sie offensichtlich alleine war, traute er sich zunächst nicht, sie anzusprechen. Dass sich ihre Blicke immer wieder trafen, blieb seinen Kumpels nicht verborgen. Sie lästerten leise über ihn. Irgendwann platzte ihm der Kragen und er fasste all seinen Mut zusammen, ging zum Tresen und sprach die rothaarige Schönheit an.
„Hallo, ich…ich, äh, ich heiße Tim. Darf ich dich auf eine weitere Tasse Kaffee einladen?“, fragte er leicht unbeholfen. Sein Stottern sorgte dafür, dass er rot vor Scham wurde.
Die Angesprochene drehte den Kopf, so dass ihre langen Haare wie ein rotes Flammenmeer über ihren Schultern zusammenschlugen. Spöttisch lächelnd musterte sie ihn aus tiefblauen Augen.
„Nein, darfst du nicht“, erwiderte sie und als Tim gerade wie ein Karpfen an Land nach Luft schnappte, „du darfst mich aber auf ein Glas Wein einladen. Ich heiße übrigens Sabine.“
Von ihren Augen aus ergoss sich ein warmes Grinsen über ihr ebenmäßiges Gesicht. Tim entspannte sich augenblicklich. Beide verbrachten noch einen schönen Abend. Sie unterhielten sich prächtig und hatten sich für heute zum Essen verabredet. Und jetzt war Tim auf dem Weg in den Mannheimer Stadtteil Lindenhof, um seine neue Flamme abzuholen. Er hatte einen Tisch beim „Winzer“ in Niederkirchen reserviert und war voller Vorfreude.
Als er seinen A4 vor der angegebenen Adresse ausrollen ließ, löste sich ein Schatten aus der im Dunkeln liegenden Haustür und schlenderte langsam auf seinen Wagen zu. Im Licht der Straßenlaterne sah er das rote Haar aufblitzen. Ein Ziehen meldete sich in seiner Magengegend und Tim kämpfte seine aufkommende Erregung nieder. Er öffnete die Tür, sprang aus dem Wagen und eilte seiner Angebeteten – ja, er glaubte schon, dass er sich ein wenig in die noch fremde Frau verliebt hatte – entgegen. Mit einem strahlenden Lächeln begrüßte sie ihn: „Hallo Tim, schön dich wiederzusehen. Ich hatte schon ein wenig Angst, dass du unsere Verabredung vergessen hast und mich nicht freiwillig abholen würdest.“ Tim stutzte. Ihm war der leicht unterkühlte Unterton in ihrer Stimme nicht entgangen.
„Hallo Sabine. Wie könnte ich die Verabredung sausen lassen. Ich freue mich schon die ganze Woche darauf. Es ist eher so, dass ich Angst davor hatte, dass du nicht mehr mit mir ausgehen wolltest.“ Er wollte sie zur Begrüßung umarmen, aber sie wich geschickt aus und trat zu seinem Wagen. „Ein wunderschönes Auto. So wie der aussieht, hast du ihn aber noch nicht lange, oder?“
„Richtig. Der hat vor zwei Wochen noch beim Händler gestanden. Es war quasi Liebe auf den ersten Blick.“ Sie sah ihn aus ihren blauen Augen lange an. „Das soll durchaus vorkommen“, erwiderte sie und ein schelmisches Grinsen umspielte ihre vollen, sinnlichen Lippen.
Tim öffnete ihr die Beifahrertür und sie ließ sich elegant auf den Sitz gleiten. Ihm fiel auf, dass sie trotz der frühlingshaften Temperaturen wieder seidige Handschuhe trug. Passend zu ihrem pastellfarbenen Kleid allerdings ein weißes Paar. Er schloss die Tür und ging um das Fahrzeug herum. Na ja, vielleicht hat sie einen Fetisch oder eine Phobie, Dinge zu berühren, dachte sich Tim. Das wird sich hoffentlich noch ändern. Wieder dieses unangenehme Ziehen in der Magengrube.

Die Fahrt zu dem ausgewählten Restaurant verging wie im Fluge. Beide hatten sich viel zu erzählen und merkten schnell, dass sie auf einer Wellenlänge lagen. Das Essen schmeckte hervorragend und besonders Tim sprach dem trockenen Rotwein etwas zu stark zu. Nachdem sie fast drei Stunden über ihr Leben geplaudert hatten, fragte Tim mit deutlich schwerer Zunge.
„Sag mal, Sabine. Hast du nicht auch Lust, den Abend bei einem weiteren Gläschen Wein bei mir zuhause ausklingen zu lassen?“ Sabine sah ihm tief in die Augen. Der schwere Rotwein hatte seine Sinne schon zu stark vernebelt, als dass ihm das verräterische Funkeln in ihren Augen aufgefallen wäre.
„Gerne, Tim“, hauchte sie ihm verführerisch entgegen. „Unter einer Bedingung:“, sie legte eine künstlerische Pause ein, während Tim sie erwartungsfroh ansah, „ich fahre! Du hast zu viel Wein getrunken. Ich will ja schließlich heil bei Dir ankommen.“ Die letzten Worte unterstrich sie mit einem gurrenden Lachen.
„Einverstanden“, erwiderte Tim und gab der Bedienung ein Zeichen, dass sie ihm die Rechnung bringen sollte. Plötzlich hatte es Tim sehr eilig, nach Hause zu kommen. Schneller als nötig trank er sein Glas Wein aus und machte sich mit Sabine auf den Weg zum Parkplatz. Er gab ihr die Wagenschlüssel. „Geh vorsichtig mit meinem Baby um.“
„Natürlich, mein Lieber, genauso wie ich mit Dir umgehen würde.“ Tim war froh, dass sie in der Dunkelheit die Ausbeulung in seiner Hose nicht sehen konnte. Hoffte er zumindest. Süffisant grinsend stieg er auf der Beifahrerseite ein.
Sabine lenkte den Wagen aus dem kleinen Weinort über eine kurvige Landstraße Richtung Autobahn, auf der sie schnell nach Ludwigshafen gelangen konnten. Kurz vor Mitternacht war wenig los und Sabine drückte ordentlich aufs Gaspedal. Die starke Maschine unter der Motorhaube des Audi brummte dankbar. Tim rutschte ein wenig nervös im Sitz hin und her.
„Hör mal, Sabine. Du kannst Dir ruhig Zeit lassen. Schließlich haben wir die ganze Nacht noch vor uns.“ Und wenn es nach mir geht, noch das ganze Wochenende. Er sprach seine Gedanken aber nicht aus.
Sabine schaute ihn lange an. Viel zu lange, für seinen Geschmack. Schließlich konzentrierte sie sich nicht mehr auf die Straße. Er spürte ganz deutlich, dass sich etwas verändert hatte. Ihre schneidende Stimme ließ Eiswürfel durch seine Blutbahnen rinnen und er verlor augenblicklich die Herrschaft über seine Blase.
„Was ist denn mit dir los, kleiner Timmy? Ich will doch nur ein wenig spielen.“
Sie streifte den Handschuh ihrer rechten Hand ab und griff ihm damit an den Hinterkopf. Eine eiskalte Hand kraulte ihm in den Haaren, ehe sie mit unbarmherzigem Griff seinen Kopf zu ihr herüberzog. Wie von Geisterhand berührt, schaltete sich in Innenbeleuchtung des Fahrzeugs ein. Was er sah, führte augenblicklich dazu, dass er auch die Gewalt über einen weiteren Teil seines Verdauungsapparates verlor. Ein übler Geruch breitete sich im Wageninnern aus. Tim starrte in das halbverweste, aber deutlich erkennbare Gesicht von Sophie! Die herrlich blauen Augen waren einem blutunterlaufen, weißen Glibber und einer leeren Höhle gewichen. Die wenigen Haare hingen in Büscheln wirr verteilt über den sonst mit einer vergilbten Pergamenthaut überzogenen Schädel. Sie öffnete ihren Rachen und Tim erblickte auf eine Reihe fauliger, übelriechender Stummel, die ihm zusätzlich noch den Magen umdrehten.
„Och, Timmy. Hast du dir in die Hosen gemacht. Aber warum denn. Ist doch alles nur ein Spiel.“ Ihre Stimme hatte sich zu einem gespenstischen Singsang erhoben, die ihn seinen Ohren schmerzte. Er registrierte im Unterbewusstsein, wie die Zentralverriegelung arretierte. Sophie – nein, sein Verstand weigerte sich, die Existenz dieses Wesens zu akzeptieren, trat das Gaspedal nun beinahe durch das Bodenbleich und raste mit unverminderter Geschwindigkeit auf eine scharfe Rechtskurve zu. Der schwere Wagen fuhr einfach gerade aus und prallte ungebremst in den Stamm einer mächtigen, uralten Eiche. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde wirkten gewaltige Kräfte auf die Karosserie des Wagens. Der Motorblock wurde in die Fahrgastzelle gedrückt und zerquetschten Tim vom Bauch abwärts. Der Schaltknüppel wurde durch das Zusammendrücken der Fahrgastzelle noch oben gehoben und bohrte sich tief in Tims Bauchdecke. Tim Körper hingegen wurde durch den Aufprall wie ein Crashtest-Dummy nach vorne geschleudert. Der Sicherheitsgurt verhinderte, dass er gänzlich durch die Windschutzscheibe flog. Während sich seine brechenden Rippen durch seine Lunge bohrten, schnitt splitterndes Glas tief in sein Gesicht. Wo eben noch sein linkes Auge war, ragte jetzt ein abstehender Ast der Eiche. Nach wenigen Sekunden war das entsetzliche Quietschen des sich zusammenfaltenden Aluminiums verstummt. In der Stille war zunächst nur Tims gequältes Stöhnen zu hören. Dann kündigte ein lautes Zischen an, dass auslaufendes Benzin Feuer gefangen hatte und sich die Flammen gierig über den Wagen her machten. Tim spürte die unerträgliche Hitze. Seine Hände fühlten etwas seltsam Schleimiges. Halb ohnmächtig vor Schmerzen schaute er nach unten und sah mit seinem verblieben Auge, dass seine Därme, sich wie fette Maden windend, zwischen seinen Fingern hervorquollen.
Plötzlich gefror die Hölle. Erneut strich die kalte Hand des Todes über das Gesicht.
„Komm, Tim. Lass uns zusammenspielen.“ Sophies Gestalt schwebte neben ihm und schaute aus ihrem toten Auge zu, wie die Flammen unerbittlich nach ihm griffen. Während sich überall auf seiner Haut Blasen bildeten, die in kürzester Zeit aufplatzten, trieben ihn die Schmerzen in die gnadenvolle Umarmung des Wahnsinns.
„Oh ja, Sophie. Wie vor zwanzig Jahren…“Seine letzten Worte begleitete ein irres Kichern.

 

 

 

 

 

 

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