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Short stories - Alles außer Sport

 

Die Saat des Bösen
Januar 2009 - by Oliver Keck

Die Farbe des langsam durch die verlassenen Straßen der typisch deutschen Vorstadt rollenden Wagens ist im Dämmerlicht der tief stehenden Sonne nicht mehr genau auszumachen. Der Sommer, der eigentlich keiner war, neigt sich langsam dem Ende und die Sonne steht schon recht tief und erschwert es dem Betrachter, das Fahrzeug detailliert zu betrachten. Keine Menschenseele weit und breit, niemand bringt dem Wagen auch das kleinste Zeichen von Aufmerksamkeit entgegen.

Hinter den akkurat angelegten und gepflegten Vorgärten brennt in den Häusern bereits Licht, wenn sich die Leute zum Abendbrot gemeinsam an den Tisch setzen. Ich beobachte vom Wageninnern heraus still die Szenerie. Regungslos, fixiert auf mein Ziel. Meine Auftraggeber hatten mir die Adresse und die Zielperson genannt und wie immer pünktlich die erste Teilzahlung von sechzig Prozent auf mein Konto auf den Kaiman-Inseln überwiesen. Die Zahlung lief über mehrere Dutzend Server, die quer auf dem gottverdammten Globus verteilt sind. Die Bullen können noch so clever sein, ich bin cleverer. Der Anflug eines Grinsens löst den maskenhaften Ausdruck in meinem Gesicht kurzfristig ab. Ich lenke den Wagen in eine Parklücke am Straßenrand und betrachte das Anwesen, in dem sich die Zielperson aufhielt, in sicherem Abstand im Rückspiegel. Noch wenige Stunden, dann wird sie zu einer Schlagzeile in der lokalen Presse taugen.

Schnell, sicher und ohne eine Spur zu hinterlassen! Noch in derselben Nacht werde ich wieder das Land verlassen, in das ich erst heute früh eingereist bin. Wer weiß schon im Voraus, wo mich der nächste Auftrag hinführen wird.
Ich bin ein Meister meines Fachs und meine Auftraggeber sind immer zufrieden mit mir. Niemand weiß um meine wahre Identität, die Szene spricht bewundernd von einem Phantom, dem niemand habhaft werden kann. Ich unternahm natürlich Nichts, um sie von diesem Glauben abzubringen. Im Gegenteil, unzählige ungeklärte Mordfälle in den letzten Jahren unterstreichen vielmehr die über mich in der Unterwelt verbreiteten Gerüchte.
Ohne die Observierung zu vernachlässigen, schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit. Ich kenne diese Stadt. Sehr gut sogar. Ich bin hier geboren, habe meine Kindheit hier verbracht und viele Freunde gehabt. Auf einmal hat sich meine heile Welt, die ich als Heranwachsender so liebte, in eine Hölle verwandelt. Niemand nahm mich auf die Seite und sagte, pass’ auf Kleiner, gleich passiert was. Nein, das Leben ist hart und brutal und nimmt keine Rücksicht. Auf niemanden. Ich habe mich im Laufe der Zeit dem Leben gestellt und mit unbarmherziger Grausamkeit zurückgeschlagen.
Mit offenen Augen, den Rückspiegel nicht aus den Augen lassend, überzieht mein Erinnerungsvermögen meinen Verstand mit den Bildern längst vergangener Tage....

Es war schon Herbst vor zwanzig Jahren, als ich spät abends eine Schulfreundin besuchen wollte. Ich hatte seit kurzem den Führerschein und wollte sie zu einer Spritztour abholen. Ich grinste über das ganze Gesicht und war mit der Welt zufrieden. Es lief gut. Wir hatten uns schon immer gut verstanden und jetzt kamen wir uns endlich ein wenig näher. Mal schauen, wie weit man sich in so einem Auto näher kommen konnte. Das Grinsen auf meinem Gesicht wurde noch breiter. Der Nissan war nicht besonders schön, aber er war bezahlt, gehörte mir alleine und erfüllte seinen Zweck. Ich kam von A nach B und musste endlich keinen Bus mehr fahren.

„...they were singing a song for you...“ Marillion’s “Lavender” dröhnte aus den Boxen und ich grölte lauthals mit. Endlich hatte ich das Haus von Andrea erreicht, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater lebte. Ich runzelte kurz die Stirn. Komische Leute waren das. Höflich zwar, aber ich hatte stets das Gefühl, dass sie etwas vor einem verbargen. Ich zuckte mit den Schultern. Aber ihre Tochter riss das alles heraus. Ich parkte am Straßenrand gegenüber des Anwesens, stellte den Motor ab und die lautstarke Stimme von FISH verstummte augenblicklich. Die Stille wurde zerrissen von einem markerschütternden Schrei, der mir augenblicklich kalten Schweiß auf die Stirn treten ließ. So was hatte ich noch nie gehört. Ohne nachzudenken, öffnete ich die Wagentür und blieb witternd wie ein Tier in der kalten Oktobernacht stehen, um den Ursprung des Schreis ausfindig zu machen. Ich vernahm ein schwaches Wimmern und schlagartig wurde mir klar, dass es aus dem Haus von Andrea kam. Mit langen Schritten rannte ich über die Straße, stolperte die vier Stufen zur Eingangstür hoch und packte mit der rechten Hand die Türklinke. Im selben Moment wurde die Tür mit brutaler Gewalt aufgerissen und ich fiel fast in den Hausflur. Ich wurde an den Aufschlägen meiner Jacke gepackt und von einem Kerl mühelos in die Luft gehoben und Sekundenbruchteile später krachte mein Rücken an die Wand. Ächzend entwisch meinen Lungen jegliche Luft. Zugleich bohrte sich irgendein spitzer, harter Gegenstand zwischen meine Schultern und trieb mir die Tränen in die Augen. Ich schaute in ein von Narben verunstaltetes, feistes Gesicht, aus dem mich zwei kleine Augen hinterlistig anfunkelten.
„Ey, wen haben wir denn da. Etwa der Stecher der kleinen Schlampe da drüben?“ Sein Kopf zuckte leicht nach rechts. „Da kommst Du aber reichlich spät, Kleiner, das haben wir schon für dich erledigt.“
Nur mühsam verarbeitete mein Gehirn das Gehörte und noch mühsamer konnte ich meinen Blick von dem feisten Schweinegesicht nehmen und in die angedeutete Richtung blicken. Mein Verstand setzte aus. Im Nachhinein betrachtet, wahrscheinlich sogar eine Spur zu lange. Was ich nun sah, beendete schlagartig mein bisheriges Leben.
An der hinteren Wand im Zimmer hing der Körper von Andrea. Gekreuzigt, lange Nägel ragten aus ihren schmalen Schultern und aus ihren feingliedrigen Händen. Ihr nackter Körper trug zahlreiche Spuren unvorstellbarer Quälereien, bis der Tod endlich ein Einsehen gehabt und seinen treuen Helfer geschickt hatte, um sie zu sich zu holen. Ich sah noch eine weitere Gestalt auf mich zukommen. Dessen Gesicht wurde von einer tief über den Kopf gezogenen Kapuze vollständig verborgen. Der Sensenmann stand noch immer hier im Raum.

„Du verdammtes Arschloch“, fuhr er seinen Komplizen an, „quatsch nicht so viel und leg diesen Wichser um.“
„Komm, lass uns erst noch ein wenig Spaß haben mit ihm.“
„Nein, du perverser Psychopath. Dafür haben wir keine Zeit mehr.“ Ich sah, wie der Kapuzenmann ausholt und erkannte aus den Augenwinkeln die scharfe Klinge seine Fleischerbeils, dessen riesige Klinge mit unglaublicher Geschwindigkeit in meinem Blickfeld immer größere Dimensionen annahm. Der explodierende Schmerz raubte mir augenblicklich das Bewusstsein.

Ich hörte Vögel zwitschern. Also scheint es wirklich friedlich im Himmel zu sein. Jetzt wollte ich einen Engel sehen und versuchte meinen Kopf zu heben. Das Ergebnis war der Klang einer schrillen Frauenstimme, die schmerzhaft wie eine Dampframme in meinem Kopf dröhnte. Ich ließ meinen Kopf wieder auf das Kissen sinken.
„Oh mein Gott. Er hat sich bewegt. Schnell rufen sie einen Arzt.“ Das Gemurmel wurde lauter und nach wenigen Augenblicken spürte ich, wie jemand vorsichtig meinen Kopf anhob. Kurze Zeit später blinzelte ich in gleißendes Sonnenlicht.

„Was....was soll der Scheiß?“ Ich hörte erleichtertes Lachen. Von der anderen Seite meines Kopfes hörte ich ganz klar die Stimme meiner Mutter. Ich drehte meinen Kopf zu ihr, was mir ziemliche Mühe bereitete und sah sie verblüfft an. „Mutter, was machst du denn hier? Wo bin ich?“
Ein Mann in weißem Kittel trat neben meine Mutter und ich sah, wie sein ernsthafter Gesichtsausdruck einem erleichterten Platz machte. Er fragte mich nach meinem Namen, Alter, dem Namen meiner Mutter und nickte dann, nachdem ich auf den Blödsinn die richtigen Antworten gegeben hatte, zufrieden.

„Er hat unheimliches Glück gehabt. Er wird wieder vollständig gesund und auch eine Narbe wird nicht sichtbar zurückbleiben. Seine Haare werden sie verbergen. Wir lassen sie jetzt alleine.“ Er drehte sich ab und verließ diesen seltsam sterilen Raum.
„Mutti, was ist los? Wo zur Hölle bin ich hier?“
„Hör auf zu fluchen und danke Gott unserem Herrn, dass du noch lebst.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort „du kannst dich wirklich an nichts mehr erinnern, oder?“
„Nein, verdammt, aber es wäre nett, wenn du mir auf die Sprünge helfen würdest. Wovon hat dieser Penner eben gesprochen. Und wo bin ich hier?“ Die letzten Worte hatte ich ihr wütend entgegengeschleudert.
„Reg dich bitte nicht auf. Die Ärzte sagen, dass du noch viel Ruhe für deine Heilung brauchst. Deswegen kann ich dir auch nicht alles erzählen.“

Sie begann mir zu erklären, wo ich war. Warum ich mich an diesem Ort aufhielt und was mir zugestoßen war. Dieses letzte Detail reichte aus, um mein Erinnerungsvermögen wieder herzustellen. Wo eben noch ein Filmriss war, funkelte jetzt ein gestochen scharfes Bild.
Andrea, das fette Schwein und der Kapuzenmann mit dem Hackebeil. Wider Erwarten blieb ich ruhig. Unbekannte Kälte griff mit frostigen Fingern nach meinem Herzen und umkrallte es mit erbarmungslosen Griff. Mein Verstand arbeitete fieberhaft. Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte. Vorerst war ich noch viel zu schwach, um den Laden hier zu verlassen. Im Gegenteil, je ruhiger ich mich verhalten würde, desto früher konnte ich in mein Leben zurück. In ein Leben, dass es so nicht mehr gab. Etwas Neues hatte Einzug gehalten. Es loderte wie ein Höllenfeuer in mir und meine Gedanken kreisten nur noch um einen Ausdruck. Ich wollte Rache. Ich würde sie jagen. Ich würde sie töten. Und nichts würde mich stoppen können. Das war ich Andrea schuldig.

Meine rechte Hand fährt über die Augen und ich nehme augenblicklich den schwachen Geruch des Hirschleders wahr, das Material meiner Handschuhe, die meine Hände umhüllen. Aber all das, was mich in den letzten Jahren in ungezählten Alpträumen immer und immer wieder gequält hat, lässt sich nicht mit einer einfachen Handbewegung vertreiben. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt mir, dass sich im observierten Haus noch nichts getan hat. Meine Augen fixieren mein Spiegelbild. Oben auf meiner Stirn, direkt am Übergang zu meinen Haaren ist eine dünne Linie erkennbar. Die Narbe, die mich mein ganzes verdammtes Leben an diesen Abend erinnern wird.

In den nächsten sechs Monaten pendelte ich ständig zwischen meinem Krankenzimmer und den Folterkammern der Physiotherapeuten hin und her. Monika, meine Therapeutin, klärte mich darüber auf, dass ich wie durch ein Wunder überlebt hatte. Das Beil hat den Schädel zwischen linkem Auge und Ohr getroffen und obwohl der Schlag mit unheimlicher Wucht ausgeführt wurde, ist der Knochen heil geblieben. Das Beil blieb einfach stecken, ohne mein Hirn zu pürieren.
„Das muss an deinem Dickschädel liegen“, meinte sie scherzhaft. Sie berichtete häufig der Klinikleitung, dass sie noch nie einen Patienten gehabt hatte, der so verbissen an seiner Genesung gearbeitet hatte. Pausen lehnte er schlichtweg ab, er arbeitete bis zur totalen körperlichen Erschöpfung. Eingeliefert mit leicht pummeliger Statur, war auch eien physiognomische Veränderung zu beobachten. Durch die anstrengenden Übungen in der Physiotherapie verlor er etliche Pfunde und bildete zahlreiche Muskeln aus, die auf eine gewisse Art von Zähigkeit hinwiesen. „Ich kann nichts negatives über den Patienten sagen“, erklärte Monika eines Tages dem Klinikdirektor, „er tut alles, was ich von ihm erwarte. Er ist höflich und nett, aber wenn sie mit ihm arbeiten müssen, haben sie das Gefühl mit einem mit Fleisch überzogenen Eisklotz zu hantieren. Ich habe noch niemals solch einen kalten Menschen erlebt. Noch dazu in diesem Alter.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Würde mich nicht wundern, wenn er so ein Ding wäre wie in dem neuen Film von Schwarzenegger...wie war das noch, ach ja, ein kybernetischer Organismus.“
„Blödsinn, das bilden Sie sich nur ein. Die Übungen sind sehr hart, es wird einfach die Anstrengung sein. Noch zwei oder drei Wochen, schätze ich, dann können wir ihn entlassen.“
Tatsächlich dauerte es keinen Monat mehr, bis mich die Klinik als vollständig geheilt entließ. In den langen, einsamen Nächten hatte ich mir meinen Plan für meine Rache bis ins kleinste Detail ausgedacht. Als erstes musste ich von hier verschwinden.
In den ersten Wochen nach meiner Heimkehr spürten insbesondere meine Mutter und meine Klassenkameraden meine Veränderung. Nichts war mehr so wie früher und meine Freunde fingen an, mich zu meiden. Meine Mutter machte sich solche Sorgen um mein Wohlergehen, dass sie mir innerhalb kürzester Zeit mächtig auf den Sack ging. Streitereien waren an der Tagesordnung. Ich spürte, dass mir langsam aber sicher die Sicherungen durchknallten und ich beschloss, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Weite zu suchen. Die notwendigen Informationen für meine bevorstehende Reise hatte ich mir alle besorgt.

Ich fuhr nach Norden, heuerte auf einem Frachter an und machte mich auf die weite Reise nach China. Ich war gegangen, ohne mich von irgendjemandem zu verabschieden. Es war mir scheißegal, was aus meiner Familie wurde. Es gab für mich nur den einen Gedanken, der mich am Leben hielt. Rache ist ein extrem erfolgreicher Motivator und hilft einem, sämtliche Schwierigkeiten, die sich einem in den Weg stellen, aus dem Weg zu räumen.
In China angekommen, machte ich mich auf die Suche nach einem Kloster fernab jeder Zivilisation, von dem ich während meiner Zeit im Krankenhaus in einem Jugendmagazin gelesen hatte, um mich dort in der gelehrten Kampfkunst ausbilden zu lassen. In meiner Naivität dachte ich, die würden nur auf mich warten.
Ich wanderte mehrere Wochen durch das riesige Land, stets auf der Hut vor irgendwelchen marodierenden Soldaten oder Polizeikräften, die sicher ihren Spaß mit mir gehabt hätten, wäre ich ihnen in die Hände gefallen. Irgendwann verlor ich jegliches Zeitgefühl. Der tagelange Monsunregen trommelte unaufhörlich auf meinen Kopf und urplötzlich stand ich vor den gewaltigen Mauern einer Klosteranlage, die der Urwald unverhofft freigegeben hatte. Ich wurde hereingelassen und tatsächlich sprach einer der Mönche ein wenig Englisch. Ich trug mein Anliegen vor und erntete nur Gelächter. Verzweifelt und zornig zugleich, stürzte ich mich auf den Abt des Klosters, zu dem man mich gebracht hatte. Ich war keine fünf Schritte weit gekommen, als ein gezielter Tritt an meinen Kopf mich ins Reich der Träume schickte.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem spartanisch eingerichteten Raum auf einem Haufen Stroh. Mein Dolmetscher war bei mir und grinste mich blöde an. Er erklärte mir, dass ich aufgrund meines Angriffs, der mir als eine Art Mut ausgelegt wurde, in der Bruderschaft aufgenommen sei. Ich wurde ganz aufgeregt. Ich richtete mich auf und sagte ihm, dass ich sofort mit dem Training beginnen wollte. Er schüttelte nur den Kopf. „Nein, nein, nicht Training, Arbeit. Ja, Arbeit. Du mitkommen.“
Der Abt empfing mich erneut und gab mir klipp und klar zu verstehen, welche Aufgaben er für mich vorgesehen hatte.
Als Weißer war ich hier eine Art Aussätziger und so behandelten mich alle. Ich musste die Drecksarbeit für die Mönche verrichten und sie schlossen hinter meinem Rücken Wetten ab, wie lange ich durchhalten würde. Es verging kein Tag, an dem ich keine Prügel bezog. Aber mit stoischer Ruhe ließ ich alles über mich ergehen. Über die Jahre brachten sie mir ungezählte Verletzungen bei, meinen Willen konnten sie aber nicht brechen. Ich beobachtete alles ganz genau. Und ich lernte zurückzuschlagen. Ich lernte schnell. Von Tag zu Tag wurde ich besser, brutaler gegen mich selbst und meine Gegner. Mitleid war etwas für Schwächlinge.
Mao Ling, der Abt des Klosters, war so über meinen Willen erstaunt, dass er anordnete, mich fortan mit den Klosterschülern in der Kampfkunst zu unterrichten und so meine brachliegenden Fähigkeiten auszubilden. Er sah in mir einen Rohdiamanten, den es zu schleifen galt.
Neben der Ausbildung meines Körpers, kümmerte er sich persönlich darum, mich in die Geheimnisse der asiatischen Meditation einzuweihen. Wir verbrachten viel Zeit in den umliegenden Wäldern. Er lehrte mich viel über die uralten Überlieferungen seines Ordens. Er zeigte mir neue Wege auf, um meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Was ich anfangs für verschwendete Zeit hielt, offenbarte mir recht schnell, dass ich meine negative Energie noch mehr fokussieren und noch unbarmherziger gegen meinen Gegner vorgehen konnte. Ich stellte fest, dass ich generell ruhiger wurde und meine Schritte mit Bedacht wählte. Die flammende Wut war kaltem Kalkül gewichen. Und dem Wissen, dass ich bald die nächste Stufe auf dem Pfad meiner Rache erreichen würde.

Eines Abends nahm mich Mao Ling zur Seite und erklärte mir feierlich, dass ich bereit sei, die Prüfung abzulegen, um die Weihe zum Mönch zu erhalten. Ohne eine Antwort abzuwarten, stürzten wie aus dem Nichts fünf schwarz gekleidete, maskierte Männer in den Raum und griffen mich mit gezogenen Schwertern an. Es dauerte keine Minute und alle fünf krepierten in ihren Blutlachen. Mao Ling schien zufrieden. Er ließ mich in einen verdunkelten Raum bringen. Hier wartete ich. Minute um Minute verstrich, schließlich wohl auch Stunde um Stunde. Plötzlich sprach eine wohlsituierte Stimme in nahezu akzentfreiem Englisch.
„Mao Ling sagt, du seiest der beste Schüler, den er in den letzten Jahren ausgebildet hat. Das gefällt mir. Ich bin stets auf der Suche nach den Besten.“ Nach einer kunstvollen Pause, in der er seine selbstgefälligen Worte wirken lassen wollte, fuhr er fort.
„Mao Ling und ich arbeiten seit Jahren zusammen. Ich sorge dafür, dass er hier in aller Abgeschiedenheit leben kann und er tritt mir bei Bedarf seinen besten Schüler ab. Du wirst ab jetzt für mich arbeiten, verstanden? Du bekommst einen ersten Auftrag. Führst du ihn zu meiner Zufriedenheit aus, wirst du reich werden. Wenn nicht, wirst du bald sterben.“
„Unter einer Bedingung“, erwiderte ich. Irritiert, dass ich gewagt hatte, ihn anzureden, reagierte er verärgert. „Du wagst es eine Bedingung zu stellen???“ Ich vernahm sein lautes Schnaufen. Unschlüssig wie er weiter vorgehen sollte, verstrichen weitere Minuten, ehe er weiterredete. „Aber gut, Du bist kein Chinese. Daher will ich Dir vergeben. Was begehrst Du?“

„Wenn ich den Auftrag erledige, will ich kein Geld. Ich will zurück nach Deutschland und dort zwei alte Freunde besuchen, die schon viel zu lange auf dieser Erde leben.“
„Ich verstehe. Ich mag Schüler, die zeigen, dass sie gewillt sind, ständig zu lernen. Erfüllst du deinen Auftrag, bekommst du alle deine Bedingungen erfüllt.“

Die Tür des Hauses öffnet sich und pünktlich auf die Minute geht meine Zielperson mit dem Hund spazieren. In knapp fünfzehn Minuten wird sie zurück sein, dann wird es Zeit für sie, zu gehen. Endgültig! Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Auftrag.

Ein fetter, widerwärtiger chinesischer Geschäftsmann, der seine männlichen Mitarbeiter ausbeutete und seine weiblichen allesamt bestieg. Ich habe ihn besucht, als er sich gerade einen blasen ließ. Er kam nicht mehr zum Schuss. Ein einziger Schlag mit der flachen Hand trieb sein Nasenbein in sein Hirn. Ein viel zu schneller Tod für solch ein Schwein. Bevor sich die Frau umdrehen konnte, war ich schon wieder verschwunden. Einem Phantom gleich. Mein Auftraggeber war sehr zufrieden und ließ mich mit seinem Privatjet nach Deutschland fliegen. Monatelang durchstreifte ich die Gegend meiner alten Heimat, ohne eine Spur von dem fetten Schwein und dem Kapuzenmann zu finden. Ich studierte die alten Zeitungen, die ausführlich über den Fall vor knapp zwei Jahrzehnten berichtet hatten. Mein Auftraggeber hatte mich noch vor Erledigung meines ersten Auftrags einem Crashkurs in Computertechnologie unterzogen. Informationen waren das wichtigste in meinem neuen Job.
Ich hackte mich in das Polizeisystem ein und durchforstete deren Archive. Das Blatt wendete sich zu meinen Gunsten: ich fand in einer Datei die Akte über das fette Schwein, den sie mal wegen Körperverletzung verknackt hatten. Von einem Mord an einer jungen Frau stand da nichts. Sein Schicksal war besiegelt, er wusste es nur noch nicht.

Seine Wohnung lag in einem heruntergekommenen Stadtteil, in dem der soziale Wohnungsbau seltsame Blüten getragen hat. Seine Wohnung war nicht schwer zu finden und noch leichter war es, darin einzudringen. Der Gestank in der Bruchbude war schier unerträglich. Auf dem Boden lag in einer Lache seiner eigenen Kotze der Mann, an den ich Abend für Abend seit dem Tag im Krankenhaus gedacht hatte. Der Grund dafür, dass ich von einem erbarmungslosen Hass zerfressen wurde, der mir jegliche Chance auf ein normales Leben genommen hatte. Der Hals einer leeren Wodkaflasche ragte aus seiner Hand. Lautlos glitt ich auf ihn zu und trat ihm voller Wucht in die Eier. Den Mund weit aufgerissen, schreckte er auf und rang heftig nach Luft. Fassungslos starrte er mich aus ausdruckslosen Augen an. Mit eisernem Griff hielt ich ihm den Mund zu und zischte: „Hallo Fettsack. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe.“
Eine krachende Rechte an die Schläfe schickte ihn wieder ins Reich der Träume.

Als er wieder erwachte, hatte ich ihn auf den einzigen noch heilen Stuhl in seinem Wohnzimmer festgebunden. Ein Knebel verhinderte, dass er sich bemerkbar machen konnte. Die Arme und jeder einzelne Finger waren auf den beiden Lehnen des Stuhls festgeschnallt.
Der Raum war in völlige Dunkelheit getaucht. Ich stand hinter ihm und starrte schon geraume Zeit auf den kahlköpfigen Schädel. Ich erwachte aus meiner Lethargie und trat langsam um ihn herum. Ich knipste das Licht an und er versuchte durch Drehen seines Kopfes dem blendenden Schmerz in seinen Augen auszuweichen. Nach kurzer Zeit sah er mich an, hielt meinem Blick aber nicht lange stand.
„Ist eine schöne Scheiße, oder, wenn man so hilflos ist? Fällt dir dazu irgendetwas ein?“ Er glotzte mich nur blöde an. „Du scheinst wirklich nicht zu wissen, wer ich bin, nicht wahr. Kann man von so einem Hasenhirn auch nicht wirklich erwarten. Aber da ich heute einen guten Tag habe, werde ich Deiner Erinnerung mal ein wenig auf die Sprünge helfen. Es war vor etwas mehr als zwanzig Jahren, ein kühler Abend im Herbst, hier in dieser Stadt. Ich wollte eine Freundin besuchen und fand den Tod. In jeder Hinsicht. Meine Freundin war tot und ich war es wenige Minuten später auch. Nicht körperlich, nein, da hat dein Freund mit der Kapuze einen schlechten Job gemacht, aber emotional.“ Ich sah ihn eine Weile schweigend an. „Ich fürchte, dass wird die Sache für Dich nicht einfacher machen.“ Ich beugte mich zu ihm herab und schaute ihm in die Augen. Irgendetwas an meinem Blick ließ ihn erkennen, dass sein Leben schlagartig ein Ende finden würde. Ich hörte ein leises Platschen und schaute nach unten. „Sieh mal an, der harte Mann hat sich vor Angst in die Hosen gepisst.“
Meine Hand umfasste sein Kinn und nahm im jede Möglichkeit, den Kopf wegzudrehen.
„Jetzt hör mir genau zu. Ich werde heute Nacht noch diesen Raum verlassen und dann wirst du tot sein. Das ist ein unumstößlicher Fakt. Aber ich schlage dir einen Deal vor: wenn du mir sagst, wo ich den Kapuzenmann finde, wird es schnell und schmerzlos sein. Ich werde dir jetzt den Knebel aus dem Mund nehmen. Falls du schreist, schneide ich dir die Zunge heraus.“
Ich löste seinen Knebel und er benötigte eine Zeit, bis er mir eine Antwort geben konnte. „Leck mich am Arsch, du blöder Wichser!“
Mit einem brutalen Griff zwängte ich seine Kiefer auseinander, zerrte seine Zunge aus seinem Mund und schnitt sie mit einer fließenden Bewegung mit meinem Messer ab, das ich wie immer in einer Scheide zwischen den Schulterblättern trug. Sekundenbruchteile später führte ich mit geradezu chirurgischer Präzision einen weiteren Schnitt an seinem Hals durch, der seine Stimmbänder durchtrennte. Der Schmerzensschrei erstarb augenblicklich. Aufkommender Wahnsinn erschien kurz in seinen Augen, verschwand aber wieder. Noch jedenfalls.
„Das war die falsche Antwort. Jetzt hast du deine einzige Chance verspielt. Hör mir gut zu: ich werde dir die Frage immer und immer wieder stellen, bis du bereit bist, mir den Aufenthalt von deinem Kumpel zu sagen. Ach ja, du kannst ja nicht mehr reden. Hmm, dann kannst du ihn ja aufschreiben. Also, wo finde ich ihn?“
Er schüttelte so heftig den Kopf, dass er fast vom Stuhl fiel. Wie Butter fuhr die Schneide des Messers durch Haut, Fleisch, Sehnen und Knochen seines linken, kleinen Fingers. Erneut bäumte sich sein geschundener Körper auf. Die Fesseln unterbanden aber jede Möglichkeit zur Flucht.
„Das habe ich ja ganz vergessen: jedes Mal, wenn du mir keine Antwort gibst, werde ich ein Stück von dir abschneiden. Erst die Finger, dann die Hand, deinen Unterarm und dann deinen Arm. Dann steche ich dir die Augen aus. Solltest du dann immer noch weiterspielen wollen, mache ich mit deinen Beinen weiter. Den rechten Arm lasse ich dir noch ein wenig länger, vielleicht hast du ja irgendwann keine Lust mehr und willst mir doch etwas mitteilen. Also, nächste Runde in unserem lustigen Frage-Antwort-Spiel: wo ist er?“
Er schüttelte erneut den Kopf und sein Ringfinger folgte. Die Schmerzen ließen ihn so heftig zusammenzucken, dass er mit dem Stuhl umfiel. Ich stellte ihn wieder auf und hob ein Schreibblock in die Höhe.
„Hast du es dir jetzt anders überlegt?“ fragte ich ihn ungerührt.
Er nickte heftig mit dem Kopf und so löste ich die Fixierung seiner rechten Hand. Er schrieb mit zitternder Schrift einen Namen und eine Adresse auf das Papier. Zufrieden betrachtete ich das Gekritzel.
„Siehst du, war doch ganz einfach.“ Ich faltete das Papier zusammen und steckte es ein. Mit einer ruckartigen Bewegung packte ich den Kragen seines vor Dreck und Blut starrenden Pullovers und riss ihn auseinander. Fettes, weißes Fleisch, mühsam unter Kontrolle gehalten, ebnete sich seinen Weg. Ich stieß ihm das Messer in den Wanst und führte die Klinge langsam und bedächtig nach oben zu seinen Rippen. Ein Schwall warmes Blut quoll aus dem tiefen Schnitt, als Vorbote für seine Gedärme, welche die neue gewonnene Freiheit für sich entdeckten und aus der Bauchhöhle heraus platzten.
Da war er wieder, der alles in Dunkelheit tauchende Wahnsinn. Diesmal blieb er in den Augen des Mörders von Andrea.
„Nur für den Fall, dass du mich angelogen hast und ich den Typen nicht ausfindig machen kann, komme ich zurück und verbrenne deine dreckigen Gedärme und du darfst dabei zusehen. Und mache dir keine Sorgen, du wirst auf jeden Fall einen Logenplatz haben. So schnell krepierst du nicht. Hast du aber nicht gelogen, dann hast du Glück. Dann werden wir uns nämlich nicht mehr wieder sehen. Und du krepierst trotzdem.“
Ich drehte mich um und verlies die Wohnung. Er wurde eine Woche später halb von Maden zerfressen von einer Nachbarin gefunden, die erst einmal vor Ekel auf die Leiche kotzte.

Ich sehe, dass meine Zielperson von ihrem nächtlichen Spaziergang mit dem Hund zurückkommt. Ich gleite aus dem Wagen und werde Eins mit der Dunkelheit. In kürzester Zeit befinde ich mich hinter ihr, packe ihren Kopf und breche ihr mit einer ruckartigen Bewegung das Genick. Ihr Hund will auf mich losgehen, aber ich lege all meine Kraft in den einen Schlag auf seine Nase. Ich höre, wie Knochen splittern. Ein leises Winseln ist alles, was der Hund in den letzten Sekunden seines Lebens von sich gibt. Ich lege wie immer eine schwarze Rose auf die Tote und begebe mich zurück zum Wagen. Im Schatten eines Baumes bleibe ich witternd stehen und suche die Umgebung ab. Nein, das ist niemand. Keiner hat gesehen, was soeben geschehen ist. Ich steige in meinen Wagen, lasse den Motor an und fahre langsam davon. Minuten später erreiche ich die Autobahn, die mich zum Flughafen bringen wird. Mein Flug nach Hongkong geht in knapp zwei Sunden. Während der Fahrt hänge ich noch mal meinen Gedanken nach.

Ohne länger meine Zeit zu verschwenden, fuhr ich zu der hingekritzelten Adresse. Ich trat die Tür ein und hatte erneut leichtes Spiel. Ich sah das Gesicht des Mannes vor zwanzig Jahren nicht, konnte aber einen Blick in seine Augen werfen, die unter seiner Kapuze kurz aufblitzten. Und genau diese Augen sahen mich erstaunt an, als er schlaftrunken aus seinem Schlafzimmer taumelte.
„Was zur Hölle...“ weiter kam er nicht. Ein Faustschlag auf den Solarus Plexus saugte alle Luft aus seinen Lungen und ließ ihn zusammenklappen. Rasend vor Wut trat ich ihn an den Kehlkopf und holte erneut aus, konnte mich aber gerade noch so unter Kontrolle bringen. Der nächste Tritt explodierte an seiner Schläfe.

Ich hob meinen achtlos weggeworfen Rucksack wieder auf und holte vier lange Nägel und einen Hammer heraus. Ich packte den bewusstlosen Körper, drehte ihn herum und hielt sein rechtes Bein an der Wand in die Höhe. Der noch immer in mir wütende Hass setzte unmenschliche Kräfte frei. Mit zwei wuchtigen Schlägen trieb ich einen der Nägel durch den Spann des nackten Fußes in das Mauerwerk. Bevor das Fleisch unter der Last des schweren Körpers reißen konnte, hatte ich dasselbe schon mit seinem linken Fuß gemacht. Jetzt breitete ich seine Arme aus und trieb die letzten beiden Nägel durch seine Handflächen. Ich holte aus meinem Rucksack eine Schlauch, an dessen Ende ein sogenannter Butterfly befestigt war. Diese Injektionsnadeln werden gerne in Krankenhäusern zum Anlegen einer Infusion genutzt. Ich stach ihm die Nadel in die schon anschwellende Arterie an seinem Hals und sah zu, wie sein Lebenssaft langsam, aber unaufhörlich aus seinem Körper tropfte. Mit Isolierband umwickelte ich seinen Mund, so dass nie mehr ein Ton aus ihm entweichen würde. Ich drehte mich um und verschwand in der Nacht.
Meine Rache war vollendet. Mein altes Leben existierte endgültig nicht mehr. Aber ich hatte eine Aufgabe gefunden. Und ich wusste, dass ich darin gut war. Wahrscheinlich der Beste.

Unbehelligt von Polizei und Zoll besteige ich den Airbus der Lufthansa mit der Flugnummer LH 8253 nach Hongkong. Die strapaziöse Reise treten fast nur Geschäftsleute an. Ich lasse mir zur Tageszeitung einen Becher heißen Kaffee reichen, schaue aus dem Fenster und lehne mich entspannt in meinem Sitz zurück. Meine Auftraggeber erwarten mich in zehn Tagen in Hongkong. Bis dahin könnte ich mir eine kurze Auszeit gönnen.

 

 

 

 

 

 

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