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Short stories - Alles außer Sport

 

„…I did it my way…“
Februar 2008 - by Oliver Keck

Frank starrte stumpfsinnig auf den heruntergekommenen Kerl, der im Spiegel hinter dem Barkeeper langsam das Glas mit dem – er stutzte kurz und zuckte dann gelangweilt die Schultern – keine Ahnung wievieltem Glas Schottischen Whiskeys „The Macallan“ hob und ihm zuprostete. Er leerte das Glas in einem Zug, stellte es eine Spur zu heftig zurück auf den Tresen und ignorierte den leicht verärgerten Blick des Keepers.
„Noch mal dasselbe, bitte!“ Frank konnte seine Stimme gerade noch unter Kontrolle halten.
„Komm schon, Frank“, erwiderte Tommy, der Besitzer der verwahrlosten Kneipe im Ludwigshafener Schlachthofviertel und fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung über die vor Fett triefenden Haare. Tommy passte sich mit seinem fleckigen, ehemals weißem Hemd und den schlecht sitzenden Stoffhosen, die nur mühsam seinen gewaltigen Wanst einzudämmen versuchten, mühelos dem heruntergekommenen Interieur seines Ladens und den in dieser Nacht noch verbliebenen zwei Gästen an. „Du hast genug für heute. Außerdem ist gleich Sperrstunde und ich muss schließen. Kann mir keinen Ärger mit den Bullen mehr erlauben. Geh nach Hause“, brummelte er missmutig zwischen den Zähne hervor, seine längst erloschene Zigarre geschickt mit der Zunge von einem Mundwinkel in den anderen bugsierend.
Frank lachte laut auf. Es war ein kurzes, meckerndes Lachen, in dem jede Freude fehlte und das beinahe hysterisch klang. „Welches Zuhause frag ich dich?“ Er erhob sich leicht schwankend vom Barhocker, kramte mit angestrengter Miene in seiner Jeans und zog schließlich eine 50 Euro Banknote hervor und warf sie zerknittert auf den Tresen. „Stimmt so“ knurrte Frank zum Abschied und schwankte aus der Bar. Vor der Tür traf ihn die kalte Faust der Winternacht mitten im Februar. Er knöpfte seinen Mantel zu, stellte den Kragen auf und blickte missmutig zur Lampe der Straßenlaterne neben ihm auf, um das wilde Treiben der Schneeflocken, die der starke Wind wild durcheinander wirbelte, zu beobachten. Auch noch das, dachte sich Frank und machte sich zu Fuß auf den Weg zu seiner Wohnung nach Oggersheim. Trotz der Kälte ging er langsam. Wozu beeilen? Ihn erwartete nichts anderes als das, was er auch hier auf der Straße fand – eisige Kälte und Einsamkeit!

Seine Frau Michaela und er hatten sich furchtbar in die Haare bekommen. Es war Freitagabend in der letzten Woche. Sie hatten sich gleich nach Feierabend getroffen und waren zusammen einkaufen. Dann hatten sie ihre kleine Tochter Susanne aus dem Hort abgeholt und Michaela bereitete gerade das Abendessen vor, als das Telefon klingelte. Seine Frau nahm das Gespräch entgegen und reichte ihm nach wenigen Sekunden mit finsterem Blick den Hörer. Es war Janette, seine Kollegin, mit der er sich sehr zum Leidwesen seiner Frau das Büro teilte. Janette war eine gut aussehende Blondine, gut zehn Jahre jünger als Michaela. Das nagte gewaltig an ihr und Frank konnte sich den Mund fusselig schwätzen, seine Frau glaubte ihm einfach nicht, dass dieses „blonde Gift“ nicht ein Auge auf ihn geworfen hatte – und vor allem, er nicht auf sie. Frank hörte zu, was ihm Janette zu sagen hatte. Er legte auf, griff nach seinem Mantel und erklärte seiner Frau, dass er nochmals ins Büro müsse, weil ein massiver Stromausfall im Stadtteil Mundenheim die Anwesenheit aller Ingenieure des Tiefbauamts erforderte. Damit das beschädigte Kabel freigelegt werden konnte, musste zunächst die defekte Leitung lokalisiert werden. Frank war für das südliche Stadtgebiet zuständig. Seine Frau nahm die Pfanne vom Herd und warf sie samt Inhalt in den Ausguss. Während das mit dem kalten Wasser in Berührung kommende heiße Fett zischend den Knall des Aufschlags umhüllte, funkelten ihn Michaelas Augen wütend an. Rasend vor Eifersucht machte sie ihm schwere Vorhaltungen, die darin gipfelten, dass er sie nie wieder sehen sollte, wenn er jetzt gehen würde. Beide wussten nicht, wie Recht sie haben sollte.
Der Lärmpegel des Wortgefechts schwoll langsam zur Orkanstärke an. Beide brüllten sich an und die kleine Susi fing in ihrem Babystühlchen an zu schreien. Er versuchte seiner Frau endgültig klar zu machen, dass sie sich in ein verrücktes Hirngespinst verrannt hatte und er davon die Schnauze voll habe. Er müsse nun los, da er sich sonst nächste Woche einen neuen Job suchen könne. Er ließ seine Frau einfach in der Küche stehen, knallte die Tür ins Schloss und fuhr ins Büro.
Was danach geschehen war, konnte er nur erahnen. Mittlerweile war ihm bewusst geworden, dass er schon wieder stehengeblieben war und trübe vor sich hin starrte. Er zwang sich, weiter zu gehen. Er hatte nicht einmal ein Viertel seines nach Hause Weges hinter sich gebracht und der Schneesturm nahm zu.
Als er in der städtischen Behörde eintraf, waren sämtliche Ingenieure seiner Abteilung um den großen Kartentisch versammelt. Er ignorierte den bissigen Kommentar seines Vorgesetzten, ob er sich denn verfahren habe, und machte sich mit seinen Leuten auf die Suche nach Fehler im Stromnetz, der einen ganzen Stadtteil in Dunkelheit gehüllt hatte. Es dauerte lange, bis sie den Bereich soweit eingegrenzt hatten, dass sie die „Maulwürfe“, quasi ihre schnelle Eingreiftruppe vor Ort, gezielt losschicken konnten. Im Stress der letzten Stunden war ihm gar nicht aufgefallen, dass sein Handy immer wieder geklingelt hatte. Nun ertönte erneut die Erkennungsmelodie der Fernsehserie „Charmed“ die er und seine Frau so mochten. Wie um die Dringlichkeit des Anrufs zu unterstreichen, schien sein Handy über die Schreibtischplatte auf ihn zuzuhüpfen. Er nahm das Gespräch entgegen und vergaß augenblicklich alles um sich herum, als am anderen Ende der Leitung sich eine männliche Stimme meldete, die sich als Hauptwachtmeister Kahne vorstellte und seinen Aufenthaltsort wissen wollte. Herr Kahne bat ihn, dort zu bleiben und auf ihn zu warten.
Frank war erneut stehengeblieben und als er an die folgenden Stunden nach dem folgenschweren Telefonat dachte, liefen ihm erneut Tränen über die Wangen. Zitternd vor Schmerz krümmte er sich zusammen und torkelte auf die Straße. Er hatte nun einen Abschnitt erreicht, wo die Häuser aufgehört und einer großen Ackerfläche Platz gemacht hatten. Er rannte über die Straße, über den Gehweg und konnte einfach nicht anhalten.
„Sie hat auf der Auffahrt zur B 9 die Gewalt über ihren Wagen verloren und ist ungebremst an einen Brückenpfeiler geprallt. Der Wagen fing sofort Feuer. Ihre Frau…und Ihre Tochter waren in dem Wrack eingeklemmt. Jede Hilfe kam zu spät. Es…tut mir leid!“
Ein markerschütternder Schrei zerriss die Finsternis der Nacht. Selbst das immer dichter werdende Schneetreiben konnte den anklagenden Ruf, der auf einem schmalen Grat zwischen Vernunft und Wahnsinn wandelte, nicht dämmen. In der Ferne schlug ein Hund an. Er hatte ihr noch so viel sagen wollen, dieser dumme Streit. Es war nicht richtig, was sich da vor ein paar Nächten ereignet hat. Frank sank auf die Knie und knöpfte sich den Mantel auf, nahm seinen Schal vom Hals.
„…and I did it my way…“
Frank erhob sich mühsam und ließ die Kleidungsstücke achtlos fallen. Er streifte sich seine Stiefel von den Füßen und zog sich Hose und Strümpfe aus. Er zog sich seinen Rollkragen-Pullover über den Kopf und betrachtete ihn mit schmerzerfülltem Blick. Michaelas letztes Weihnachtsgeschenk. Ein weiterer Krampf schüttelte seinen nun fast nackten Körper erneut durch. Frank stolperte weiter achtlos über den Acker und zerriss sich noch seine letzten Kleidungsstücke. Er dachte noch mal an den Evergreen seines berühmten Namensvetters und setzte sich nackt auf den hartgefrorenen, mit kaltem Schnee überzogenen Boden. Er spürte, eine innere Ruhe wieder einkehren. Michaela stand plötzlich vor ihm und streckte ihre Hand aus. „Ich komme, mein Liebling, ich komme. Ich lass dich nie mehr allein.“

 

 

 

 

 

 

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