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Short stories - Alles außer Sport

 

Aufgepasst…ein Netzwerk!
Juni 2009 - by Oliver Keck

Vanessa öffnete die Tür zu ihrer Wohnung im dritten Stock des von außen heruntergekommen aussehenden Altbaus im Zentrum des Mannheimer Stadtteils Jungbusch. Doch ebenso wie das gegen sein negatives Image kämpfende Stadtviertel, versprühte das vierstöckige Gebäude einen gewissen Charme, dem sie von Anfang an verfallen war. Seit drei Jahren wohnte sie jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft der verruchten Hafenstraße, die tagsüber noch immer regelmäßig von auffälligen Straßenkreuzern meist amerikanischer Herkunft frequentiert wurde. Gelang es einem, einen Blick hinter die meist getönten Frontscheiben der Luxuskarossen zu erhaschen, sah man immer denselben Typ Mann am Steuer. Muskelbepackte, testosterongesteuerte Alphatiere, die dafür Sorge trugen, dass ihre Einkünfte weiterhin gesichert blieben. Dass sie dabei nicht immer zimperlich vorgehen konnten, versteht sich beinahe von selbst.

Vanessa taten die Frauen Leid, aber irgendwie war ja jeder für sich selbst verantwortlich. Als sie die schwere Einkaufstasche auf den Boden stellte, um ihre Jacke auf dem Garderobenständer aufzuhängen, fiel ihr auf, dass sie wie ein Maultier schnaufte. Nur dass die Grautiere meist einen schweren Pflug oder andere Lasten hinter sich herzogen oder auf ihrem Rücken trugen. Sie war schon nach den wenigen, unter dem Gewicht eines jeden sich herauf mühenden Lebewesens nahezu beleidigt quietschenden Stufen der ausgelatschten Holztreppe völlig fertig. Einkaufstasche hin oder her.

Ein prüfender Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sie mal wieder mehr Sport machen sollte. Ein weiterer Blick fiel auf ihre Jogging-Schuhe, deren äußerste Enden der Schnürsenkel gerade noch so unter der Kante des Sideboards hervorlugten, damit sie nicht vollständig in Vergessenheit gerieten. Ihre Blicke schweiften sofort wieder ab Richtung Küche und Wohnzimmer. Sport? Es regnet doch gerade. Da ist es doch viel gemütlicher, sich mit einer heißen Schokolade im Wohnzimmer auf die Couch zu lümmeln und ein wenig vor dem Fernseher zu entspannen. Sie fuhr sich mit der rechten Hand noch einmal prüfend über den Bauch, drehte sich vor dem Spiegel zu Seite und entschied definitiv, dass morgen auch noch ein guter Tag für die Wiederaufnahme eine gezielten Fitness-Programms sei.

Schnell schlüpfte sie im Schafzimmer aus ihrer Business-Kleidung und streifte sich ihre Lieblingsklamotten über, deren weiche Textilfasern ihre Haut sanft streichelten. Gut gelaunt ging sie in die Küche, um Milch für die Schokolade heiß zu machen. Beim Gedanken daran lief ihr schon ein wenig das Wasser im Mund zusammen. Sie öffnete gerade die Tür zu ihrem überdimensionalen Kühlschrank, als sie Stimmen bemerkte. Zunächst betrachtete sie wie immer eingehend und bewundernd dieses Meisterwerk der Technik, das es ihr erlaubte, jederzeit kaltes Wasser vorrätig zu halten und prinzipiell Platz für die Lebensmittel eines vierköpfigen Haushalts bot. Vanessa legte nicht viel Wert auf Luxus. Aber Ausnahmen bestätigen eben immer die Regel.

So langsam realisierte sie erneut das Gemurmel. Zwei Männer schienen sich angeregt miteinander zu unterhalten. Vanessa seufzte. Das war der einzige Nachteil ihrer stilvoll eingerichteten Wohnung, deren hohe Wände sie vom ersten Augenblick an ins Herz geschlossen hatte. Die Wohnung war einfach hellhörig. Aber…es hatte auch seine Vorteile. Seit ein paar Wochen war über ihr ein überaus ansehnliches Exemplar des anderen Geschlechts eingezogen. Benny hieß die Sahneschnitte. Sie waren sich schon zwei- oder dreimal im Treppenhaus begegnet. Blaue Augen unter wild verwuschelten Haaren, bei denen jeder Kamm kapitulieren musste, hatten sie jedes Mal mit ehrlicher Freude angestrahlt. Aber mehr als ein wenig Smalltalk war noch nicht drin gewesen. Jedes Mal ärgerte sich Vanessa, weil sie die Zähne nicht auseinander bekommen hatte. Aber das würde sich noch ändern. Sie hatte sich fest vorgenommen, dass sie sich den Traumknaben noch schnappen würde. Schließlich schien er auch alleine hier zu wohnen, also brauchte sie keine Hemmungen haben.

Sie lauschte den Stimmen und nach wenigen Momenten konnte sie aus dem Gemurmel auch einige Wortfetzen aufschnappen.
„Netzwerk…ja, sicher, müssen wir aufpassen, sonst…hängen, erwischt, keinen Sinn…“

Stirnrunzelnd verharrte ihre Hand mit dem Kaffeelöffel voller Kakao schwebend über der Tasse mit der mittlerweile in der Mikrowelle erhitzten Milch. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Das darf doch nicht wahr sein. Gerade gestern hatten sie in den Nachrichten davon berichtet, dass die Terrorgefahr in Deutschland noch immer in der breiten Öffentlichkeit nicht richtig wahrgenommen und unterschätzt würde. Und ausgerechnet bei ihr im Haus hat sich ein, ja was eigentlich? Mindestens wohl ein Sympathisant der Terroristen niedergelassen. Es war nicht zu glauben. Diese ehrlichen und freundlichen Augen gehörten vielleicht einem international gesuchten Super-Killer, der hier in der Anonymität des Mannheimer Szene-Viertels untergetaucht war. Aber er hatte die Rechnung ohne sie gemacht.
Der Löffel mit dem Kakao landete wieder in der Dose, die heiße Milch war vergessen. Aufgeregt tigerte Vanessa durch ihre behaglich eingerichtete Küche, die Chromrahmen ihre Barhocker nachempfundenen Küchenmobiliars immer wieder mit kritischen Blicken bedenkend. Waren sie auch wirklich gut poliert? Sie schalt sich selbst eine Närrin. In den nächsten Minuten konnte ein Stockwerk über ihr eine konspirative Sitzung mit dem bärtigen Osama persönlich ins Leben gerufen werden und sie machte sich Gedanken über blitzblanke Chromstühle?

Zuerst brauche ich handfeste Beweise, bevor ich den Kerl der Polizei ausliefere. Selbst ist die Frau. Sie stürmte aus ihrer Wohnung, zwang sich aber im Treppenhaus auf Zehenspitzen möglichst geräuschlos die Stufen nach oben zu eilen. Sie hatte es fast geschafft, als die vorletzte Stufe ein markdurchdringendes Quietschen hören ließ, als sie drauf trat. Vanessa blieb sofort wie angewurzelt stehen. Eine rollige Katze hätte nicht mehr Lärm machen können. Verdammte Scheiße. Atemlos lauschte sie. Nichts. Keine Reaktion. Gut, Glück gehabt.
Plötzlich schoss es ihr in den Kopf, dass sie sich vielleicht in tödliche Gefahr begab. Wer hier den Aufbau eines Netzwerks plante, schreckte sicher auch nicht davor zurück, seine Nachbarin aus dem Weg zu räumen. Unschlüssig blieb sie stehen. Aber die Aussicht, als Heldin in der Presse gefeiert zu werden, war dann doch zu verlockend. Sie schlich weiterhin auf Zehenspitzen zur Wohnung und presste ihr Ohr an die Tür.
„Mist“, dachte Vanesse, „hier hört man ja überhaupt nichts.“ Sie überlegte gerade, wieder nach unten zu gehen, als die Tür ruckartig geöffnet wurde und sie, völlig aus dem Gleichgewicht geraten, in den sich öffnenden Flur plumpste. Starr vor Angst war sie zunächst unfähig sich zu bewegen.

„Aber hallo, wen haben wir denn hier?“ hörte sie die Stimme von Benny. „Markus, darf ich dir Vanessa vorstellen? Sie bewohnt die Wohnung unter mir. Vanessa, das ist Markus, ein Kommilitone von mir. Wir studieren beide Informatik hier in Mannheim. Und was führt dich zu uns. Und überhaupt, weißt du nicht, wo meine Klingel ist?“ Als Vanessa den spöttischen Blick in Bennys Augen bemerkte, löste sie sich aus ihrer Starre und wollte hastig aufstehen. Knallrot im Gesicht brabbelte sie vor sich hin.

„Bitte? Ich verstehe dich so schlecht.“ Mit einem lauten Lachen reichte Benny ihr die Hand, ergriff sie mit festem, aber nicht unangenehmem Griff und hob sie problemlos vom Boden auf. Seine blauen Augen grinsten sie noch immer spöttisch an.
Das Grinsen machte sie rasend vor Zorn. Sie wand sich leicht in seinem Griff, den sie, wie sie sich eingestehen musste, sogar als außerordentlich angenehm empfand und es sprudelte nur so aus ihr heraus.
„Lass mich los, du Verbrecher. Ich habe es in meiner Küche genau gehört. Du und dein sauberer Freund richtet hier ein konspiratives Netzwerk von Terroristen ein. Ihr plant bestimmt einen Anschlag. Ich habe genau gehört, wir ihr gesagt habt, dass ihr aufpassen müsst, um nicht aufzufliegen. Aber jetzt ist es zu spät, ich gehe zur Polizei und werde alles erzählen.“ Schreckerfüllt schlug sie sich mit der flachen Hand auf den Mund. Jetzt hatte sie sich verraten und war den beiden Terroristen hilflos ausgeliefert. Was würden sie nun mit ihr anstellen? Horrorszenarien jagten sich vor ihrem geistigen Auge.
Benny und Markus sahen sich einen Moment verblüfft an. Dann brachen beide in schallendes Gelächter aus. Sie konnten sich gar nicht mehr beruhigen. Vanessa musste zugeben, dass sie mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte. Verblüfft glotzte sie die beiden an und wurde langsam zornig, weil sie sich überhaupt nicht mehr einkriegen konnten.

„Was gibt es da eigentlich so blöd zu lachen, ihr Idioten?“
„Entschuldige, aber das ist einfach zu komisch.“ Benny wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und zwang sich dazu, wieder Ernst zu werden. „Vanessa, wir beide studieren Informatik. Erwähnte ich, glaube ich, schon. Wir wollen hier in meiner Wohnung ein Wireless LAN installieren, um ins Internet zu können.“ Als er ihren fragenden und misstrauischen Blick bemerkte, führte er weiter aus. „Mit solch einem LAN kannst du mehrere Rechner, also PC-Systeme, Notebooks, etc. miteinander vernetzen. Es ist aber so, dass es dann nicht geschützt ist. Und wenn wir nicht aufpassen, kann sich ein Fremder in das Netzwerk einloggen und auf meine Kosten surfen. Wir haben uns gerade eine Strategie überlegen wollen, wie wir das verhindern können. Hast du nicht Lust, uns ein wenig mit Rat und Tat bei einem Kaffee zur Seite zu stehen?“ Er machte eine einladende Geste in Richtung Wohnung. „Jetzt, wo du schon einmal hier bist.“
Zögernd und zutiefst beschämt nahm Vanessa die Einladung an.

Noch heute denkt sie oft daran, wie sie Benny kennengelernt hat. Sie wohnen noch immer im Jungbusch und haben mittlerweile ein großes Netzwerk gemeinsamer Freunde in einer gemeinsamen Wohnung in dem noch immer heruntergekommen wirkenden Altbau aufgebaut.

 

 

 

 

 

 

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