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Short stories - Alles außer Sport

 

Allein im Zug
Februar 2008 - by Oliver Keck

„Darf ich dir Schönheit etwas zu Trinken mitbringen?“
Sabine schaut verwundert von ihrem Buch auf und dreht mit grimmiger Miene ihren Kopf zur Tür ihres Zugabteils. Die Betonung dabei liegt auf IHRES. Sie hat eine stressige Woche hinter sich mit jeder Menge Schulungen, die sie an der Zweigstelle ihrer Firma halten musste. Stress und Ärger mit jeder Menge von Besserwissern, die denken, eine Frau solle bestenfalls Sekretariatsarbeit erledigen, aber keinesfalls eine führende Position in einer Firma einnehmen. Und schon gar nicht versuchen, mir etwas zu erklären, was ich viel besser verstehe.
Sabine mustert gelangweilt die traurige Figur, die zu der aufdringlichen Stimme gehört und die sich betont cool in der Schiebetür des Abteils platziert hat. Sie schüttelt den Kopf. „Nein danke. Ich habe selbst noch etwas.“

„Aber, aber. Wer wird denn gleich so abweisend sein. Eine so schöne Frau sollte wirklich nicht die ganze Fahrt alleine verbringen. Ein wenig Gesellschaft wird dir gut tun.“ Der Augen des Typen gleiten über ihren Körper und der Ausdruck in seinen Blick verrät, dass er eindeutig schon ein Schritt weiter als nur bei einem gemeinsamen Drink ist. Sabine ist sich durchaus ihrer Reize bewusst, aber dieser schmierige Fuzzy geht ihr doch gewaltig gegen den Strich.

„Hör zu, für dich nochmals ganz langsam zum Mitschreiben: Punkt 1 – ich habe etwas zu trinken. Punkt 2 – will ich die Zugfahrt bestimmt nicht mit so einem Flachwichser wie dir verbringen. Daher kommen wir zu Punkt 3 – verpiss dich!“ Sabine schaut ihm eiskalt in die Augen und er kann ihren Blick nicht lange standhalten. Rot anlaufend und wütend über sich selbst rammt er die Tür zu.
Na bitte, geht doch. Man muss nur gut kommunizieren können. Wie gerne hätte sie unter der Woche auch mal so reagiert, aber leider sind ihr in diesen Momenten die Hände gebunden. Verärgert schüttelt sie nochmals den Kopf und ihre langen blonden Locken umspielen ihre Schultern. Dann wendet sie sich wieder ihrer Lektüre zu. Es handelt sich dabei um den letzten Band der auch bei Erwachsenen sehr beliebten Kinderbuchreihe eines Zauberlehrlings auf seinem Weg zur Macht.
Eigentlich sollte sie noch ihre E-Mails checken, aber dazu hat sie einfach keine Lust mehr. Sie hat noch mehrere Stunden Fahrt vor sich auf ihrem Weg zurück nach Mannheim und draußen dämmert es bereits. Nachdenklich lässt sie die verbliebenen Seiten durch ihre Finger gleiten. Hm, noch gut 300 Seiten, das packe ich in der verbleibenden Zeit. Falls mich nicht wieder so eine Knalltüte stört, denkt sie erneut verärgert und blickt wieder zur Tür. Keiner da. Gut. Sie versinkt wieder in ihrem Buch und vergisst alles um sich herum.

Zwei Stunden später knallt Sabine den Buchdeckel so heftig zu, dass sie selbst erschrickt. Sau gut, denkt sie. Das Buch hat alle meine Erwartungen erfüllt. Nur Schade, dass sie jetzt wirklich den definitiv letzten Band der Serie in ihren Händen hält.
Sie schaut aus dem Fenster und versucht, ihre vom grellen Deckenlicht geblendeten Augen an die draußen vorherrschende Dunkelheit zu gewöhnen und etwas von der Landschaft zu erkennen. Natürlich ein unmögliches Unterfangen. Nach kurzer Zeit ist sie immerhin in der Lage, weite Ackerflächen zu erkennen, die in hohem Tempo an ihr vorbeirasen.

Mehr im Unterbewusstsein nimmt sie eine Bewegung neben ihrem Spiegelbild im Wagonfenster wahr. Irritiert löst sie ihren Blick von der Dunkelheit und konzentriert sich auf die Scheibe. Sabine schnappt hörbar nach Luft, ihr Magen zieht sich zu einem Klumpen zusammen und ihr wild pochendes Herz scheint ihr aus der Brust springen zu wollen. Neben sich sieht sie auf der Scheibe das Gesicht einer blassen, dunkelhaarigen Frau, die sie mit einem verschlagenen Blick angrinst. Sabine wirbelt herum und schaut ins leere Abteil. Plötzlich realisiert sie, dass sie vor wenigen Augenblicken das Atmen eingestellt hat und stößt nun laut den angehaltenen Atem wieder aus. Im wilden Stakkato schnappt sie nach dem lebenswichtigen Sauerstoff und kommt sich vor wie ein Fisch, der auf dem Trockenen sitzt.
Sie spürt, wie sich feine Schweißperlen auf der Stirn bilden. Gleichzeitig fasst sie mit ihrer linken Hand den Kragen ihrer Bluse und drückt ihn zusammen, da sie zu frösteln beginnt.

„Hallo, ist hier jemand?“ fragt sie laut in das sonst leere Abteil. Es ist beruhigend ihre eigene Stimme zu hören. Das ängstliche Zittern darin jedoch nicht.
Was war das denn eben, fragt sie sich im Gedanken. So schlimm war das Buch nun wirklich nicht, als dass sie so abdrehen müsste.
Langsam fahren ihre lebenswichtigen Funktionen wieder auf ein Normalmaß zurück. Ihre Selbstsicherheit kehrt zurück und Sabine ärgert sich, wie es ihre Art ist, mehr über sich selbst. Wie kann man nur so bescheuert sein, schilt sie sich selbst eine Närrin.
Sie schaut wieder aus dem Fenster. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ihr Blick wandert sofort wieder die Scheibe entlang auf der Suche der fremden Frau in ihrem Abteil. Aber nichts geschieht. Sabine dreht sich um und kann noch immer nichts entdecken.
Da haben mir meine Nerven aber einen gewaltigen Streich gespielt, denkt sie, als eine eiskalte Hand die Stelle zwischen ihrem linken Ohr und ihrer Wange berührt. Diesmal setzt Sabines Herz mindestens drei Schläge aus. Sie fühlt eine nie bekannte Kälte von ihrem Körper Besitz nehmen.
Langsam, als müsste sie einen gewaltigen Widerstand unter Aufbietung aller ihrer Kräfte überwinden, dreht sie den Kopf. Die Hand ist von ihrer Wange verschwunden, aber die Kälte ist geblieben. Ihr Blick fällt wieder auf das Fenster und wieder zweifelt Sabine an ihrem Verstand. Sie starrt mitten in das Gesicht der Frau, die vor wenigen Augenblicken neben ihrem Spiegelbild erschienen ist.
Nur sieht sie diesmal auch die dazugehörende Person und die schwebt außerhalb des Zugs neben ihrem Fenster her und schaut sie herausfordernd mit einem diabolischen Grinsen an. Die Lippen der der Frau ziehen sich langsam in die Höhe und erinnern Sabine eher an ein Raubtier, dass vor dem tödlichen Angriff drohend die Lefzen zurückzieht. Und wie bei einem Raubtier sieht Sabine etwas, was sie fast in das Reich des Wahnsinns katapultiert: die Eckzähne der Frau sind überdimensional groß und spitz.

Sabine stößt einen gellenden Schrei aus, aber das Bild der Frau vor ihrem Fenster ist schon wieder verschwunden. Hechelnd geht ihr Atem. Sie springt vom Sitz auf und geht langsam rückwärts zur Tür des Abteils. Außer dem gleichmäßigen Rattern der Räder des Zuges über den Schwellen der Gleiskörper ist nichts zu hören. Sie stößt die Tür auf und rennt hinaus in den Gang. In wilder Panik reißt sie an der Tür des Nachbarabteils, die sich aber nicht öffnen lässt. Immer wilder zerrt sie an der Tür und beginnt, laut um Hilfe rufend, mit ihren Fäusten an die Scheibe zu hämmern. Da begreift sie langsam, dass das Abteil leer ist. Sie spürt eine immer stärker werdende Panik in sich hoch kriechen. Hastig will sie zum nächsten Abteil, gerät ins Straucheln und fällt der Länge nach hin.
Als sie sich wieder aufrappeln will, spürt sie den spitzen Absatz eines Stiefels auf ihrem Rücken, der sie mit sanften, aber unnachgiebigen Druck auf dem Boden des Waggons festnagelt. Sie hört nichts, aber in ihrem Kopf flüstert eine Stimme:
„Wo willst du denn hin? Du musst nicht weglaufen. Ich will dir nichts tun. Wir sind beide ganz alleine. Alle sind gegangen. Keiner ist geblieben, um dir zu helfen. Du gehörst mir.“ Sabine glaubt, dass sich ihr Verstand endgültig verabschiedet hat und vor ihren Augen in Form eines verrückt gewordenen Harlekins auf dem schmutzigen Fußboden auf- und abhüpft und ihr fröhlich zuwinkt.
Gleich darauf hört sie die Stimme erneut, jedoch wesentlich sanfter. „Sträube dich nicht. Du brauchst keine Angst zu haben. Bei mir bis du in Sicherheit.“ Der Druck verschwindet und Sabine spritzt wie ein 100 m Läufer nach dem Knall der Startpistole vom Boden auf und fährt herum. Sie blickt zurück durch den leeren Wagon.

Das kann doch alles gar nicht wahr sein, denkt Sabine und überlegt fieberhaft. Sie zittert am ganzen Körper vor Angst und versucht sich zu beruhigen. Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Sicher ihr Job in ihrer Firma macht ihr Spaß und auch gegen ihre Dienstreisen hat sie in der Regel nichts einzuwenden. Aber es gibt natürlich immer wieder irgendwelche Ausreißer. Ihre Gedanken schweifen wieder zu dem Meeting, als sie mit diesem aufgeblasenen Fatzke aneinandergeraten ist. Ein Schauer lässt sie am ganzen Körper erzittern.
Ich muss vor ins Führerhaus. Da muss ja noch ein Mensch sein, sonst würden wir nicht mehr fahren. Sie dreht sich um und prallt auf die fremde Frau, die unmittelbar hinter ihr aus dem Boden zu wachsen scheint. Für den Bruchteil einer Sekunde erkennt Sabine eine grauenhafte Fratze, die ihr mit tödlicher Gier ins Gesicht springt. Hat sie gerade in das wahre Gesicht der Erscheinung gesehen? In Todesangst lässt sich Sabine einfach fallen und entgeht so im letzten Augenblick dem vorstoßenden Kopf, mit dem schrecklich weit aufgerissenen Mund. Ein wütendes Fauchen verrät ihr, dass dieses Ding mit der Reaktion wohl nicht gerechnet hat. Sie rappelt sich erneut auf und rennt nach davon. Sie kennt nur noch ein Ziel: vor zum Führerstand und den Lokführer alarmieren. Das spöttische Gelächter hinter ihr jagt ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. Sie erreicht das nächste Abteil und stellt in ihrer wilden Hast beiläufig fest, dass auch hier keine Menschenseele mehr anzutreffen ist.
Noch ein Abteil, dann hat sie es geschafft. Sie kann nicht mehr rechtzeitig anhalten und knallt aus vollem Lauf gegen die verschlossene Tür des Lokomotivführers. Sie spürt den Schmerz noch nicht einmal. Wild hämmert sie mit den Fäusten gegen die Tür.
„Hallo, hören Sie mich. Bitte öffnen Sie die Tür. Helfen Sie mir, bitte…“ Ihre Stimme wird schwächer und geht langsam in ein Schluchzen über. Da wird die Tür plötzlich aufgerissen und Sabine verliert das Gleichgewicht. Sie fällt nach vorne, direkt in die Arme der mysteriösen Fremden. Die greift ihr mit unglaublicher Brutalität in ihre blonde Lockenpracht und dreht sich mit ihr um die eigene Achse.
„Schau genau hin, meine Süße, was siehst du? Komm sag es mir. Ich will es von dir hören.“ Sie reißt erneut an Sabines Haare und überdehnt ihr extrem den Kopf. Sabine starrt mit weit aufgerissenen Augen auf die verlassene Steuerkonsole. Niemand steuert den Zug. Ihr Gehirn braucht einige Augenblicke, um diese Information zu verarbeiten. Dann trifft es sie wie ein Keulenschlag. Ihre Knie knicken ein und ihr gesamter, auf Abwehr ausgerichteter Körper erschlafft.
„Ihr habe dir doch gesagt, dass wir ganz alleine sind und du nur mir alleine gehörst. Es wird Zeit.“
Die letzten Worte brennen sich in Sabines Unterbewusstsein ein. Den Biss an ihrem Hals nimmt sie als ein ganz feines Brennen wahr. Sie spürt, wie ihre Lebensenergie aus ihrem Körper fließt. Gleichzeitig durchströmt sie ein fremdes, nie zuvor wahrgenommenes Gefühl. Eine seltsame Erregung erfasst sie. Sie gibt sich ihr hin. Um sie herum wird es schwarz. Sie ist wieder allein…

 

 

 

 

 

 

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