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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Winterwunderland
Januar 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänWeihnachten ist geschafft. Ohne größeren Substanzverlust. Gut, der Rettungsring um Jupps Hüften ist noch ein wenig angewachsen. Aber mit der Masse kann man ja schließlich arbeiten. Was nützt es einem, jetzt schon sein superduper Wettkampfgewicht zu erreichen, wenn man dann dauernd auf der Schnauze liegt. So viel zumindest zur allgemein beachteten Theorie.

Jupp hat ein ganz anderes Problem. Er starrt auf seinen 23“ Hightech-Hyperdrive-Flatscreen an seinem superschnellen neuen Powerrechner, den er sich zu Weihnachten gegönnt hat. 859 GB Festplatte kombiniert mit 128 MB Arbeitsspeicher…da geht was. Da kann man Spielfilme und Musiktitel quasi in Echtzeit herunterladen.

Aber auch das interessiert den Schrecken aller Langstrecken derzeit herzlich wenig. Er durchforstet im Netz sämtliche ihm bekannten Wetterdienste – und was er da Lesen muss, schmeckt ihm gar nicht. Es soll Eisregen geben, noch dazu an Sylvester. Wo er doch mit einem kurzen, aber intensiven Laufwettkämpfchen – als mehr kann man solch eine Pupsi-Zehner ja wirklich nicht bezeichnen – das nur teilweise gelungene Jahr 2008 abschließen wollte.

Aber wenn es Eisregen gibt??? Der Gedanke daran lässt Jupp schon fast erstarren. Und die nächsten Worte sind nicht dazu angetan, seine Stimmung weiter aufzuhellen. Die Großwetterlage soll sich umstellen und ein dauerhaftes, für klirrende Kälte sorgendes Hochdruckgebiet soll sich über Deutschland festbeißen. Wie soll der gemeine Triathlet da nur sein Training absolvieren??? Na ja, warten wir mal ab. Der moderne Wetterdienst hat noch immer viel mit den Weissagungen der alten Schamanen der amerikanischen Ureinwohner gemein.

Am Sylvester-Morgen deuten Wolken an, dass sich Unheil zusammenbraut. Und tatsächlich, Jupp will sich gerade in den Sattel schwingen, um sich für das Läufchen schon ein wenig vorzuwärmen, als er ein dezentes Tropfen auf dem Dachfenster hört. Erst leise, dann immer eindringlicher. Das ist kein Regen, das ist gefrorenes Wasser, welches da vom Himmel fällt. Resigniert schält sich Jupp wieder aus seiner Radkluft, macht sich eine heiße Schokolade mit ordentlich Sahne und zieht sich auf sein Sofa zurück. Seine leid geplagte Katze muss als Wärmekissen herhalten und sein Gejammer ertragen:
„Ich wollte ja starten, aber bei den Bedingungen ist es doch unmöglich, vor die Tür zu gehen. Aber ab morgen wird alles besser. Schließlich sind es nur noch wenige Monate bis zum ersten Testwettkampf in der neuen richtigen Saison. Dann gilt es, sich in Form zu bringen.“ Seine Katze hat sich auf seiner mittlerweile beträchtlichen Plautze gemütlich eingerollt und stimmt ihm schnurrend zu.

Aber wie so oft, kommt es anders als man denkt. Drei weitere Tage verstreichen, bis sich Jupp wieder vor die Tür traut. Und nicht etwa zum Training, sondern er muss wieder arbeiten. Urlaubszeit rum. OK, kein Problem. Wenn der Wetterbericht jetzt nicht auch noch ein Schneegebiet gemeldet hätte. Und tatsächlich haben sie schon wieder Recht. Es schneit was vom Himmel kann. Jupp denkt ernsthaft darüber nach, seinen Trainingsstart erneut zu verschieben. Was soll der kranke Ehrgeiz. Bringt doch alles nichts. Schließlich liegt in der Ruhe die Kraft.

Jupp streicht grinsend über seine Wampe. „Da hast du aber nochmals Glück gehabt“, sagt er leise zu sich selbst, „dann sage ich dir eben erst nächste Woche den Kampf an.“

Von seinem Ironman-Finish träumend, schwebt unser Hero bei der Vorstandsekretärin, dem alten Drachen, vorbei. Welch ein Glück – sie ist gerade nicht am Platz. Jupp greift auf dem sich auf ihrem Schreibtisch befindenden Teller einen Lebkuchen und verschwindet laut schmatzend in seinem Büro. Wie war das doch: ein echter Ironman zeichnet sich durch viel Substanz aus.

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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