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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Wie warm muss es eigentlich noch werden…
Mai 2009 - by Oliver Keck

Jupp der Eirenmändenkt Jupp verärgert, als ihm wieder einer dieser Touri-Fahrer mit seinem 33 Jahre alten Stahlbock vor der Nase herum eiert. Rechts Brennnessel-Gestrüpp, links Blechkiste hinter Blechkiste, keine Chance zügig und standesgemäß, halt einem Eiermän würdig, zu überholen. Fehlt eigentlich nur noch, dass mein Carbon-Hyper-Dyper-Highspeed-Pferdchen durch lautes Wiehern auf die vertrackte Situation und auf sich aufmerksam macht, denkt Jupp fast ein wenig amüsiert. Aber der Ärger und gekränkter Stolz wiegen schwerer.

Nicht nur das Rad ist eine Beleidigung für das Auge, nee, auch die kalkweißen, haarigen Waden, die aus noch kalkweißeren, die Hälfte der haarigen Wade bedeckenden orthopädischen Stützstrümpfen herausquellen, sorgen für ein leicht flaues Gefühl in der Magengegend unseres Hero. Um nicht zu sagen: sorgen für Brechreiz. Sein Blick wandert leicht nach oben und jetzt haut es Jupp wirklich fast aus dem Sattel. Der Fuzzy hat neben seinem Radtrikot tatsächlich noch Armlinge an und eine Windweste drübergezogen. Bei 35°C im Schatten. Das ist zu viel, das geht gegen Jupps Kodex.

Unverhofft kommt oft und der Verkehrsstrom neben Jupp reißt ab. Gar nicht faul und voller Testosteron in der haarlosen (!) Hühnerbrust schert unser Hero aus, nimmt neben diesem strampelnden, Augenkrebs erzeugenden Möchtegern-Radler die Beine hoch, holt tief Luft und schwadroniert dann los:

„Jetzt hör mal gut zu, mein Jung. So, wie du, kann man nich rumfahren. Ey, das geht ja wirklich gar nicht. Was sollen denn die Leute denken, wenn die dich so sehen. Und dann bei der Hitze Armlinge und Weste. Frierst du etwa? Bist wohl der letzte Saurier aus dem Peloton der berufsfahrenden Deppen der 50er Jahre, oder? Noch immer voll bis unter die Haarspitzen, daher auch die Schüttelfröste. Ein Wunder, dass du dich überhaupt noch im Sattel halten kannst. Jetzt mach dich vom Acker und lass die wahren Helden des neuen Jahrtausends ihrer Wege ziehen.“

Der dermaßen blöd von der Seite angeraunzte, schaut einen Moment verwundert, blickt auf die braunen, aber relativ schlaffen Waden unseres Eiermän, schaltet einen Gang höher und schließt mühelos wieder zum Meister aller Meister aller Altersklassen auf.
„Hör mal gut zu, Alterchen. Wie ich rum fahre, musst du schon mir überlassen. Ich habe extrem empfindliche Haut und muss mich vor zu intensiver Sonneneinstrahlung schützen. Das hat nichts mit irgendwelchem Stoff zu tun, den ich mir deiner Meinung nach reindröhne. Ich bin mein Leben lang sauber gefahren. Aber wenn wir uns doch gerade so schön unterhalten, wie sieht das denn bei dir aus? Ihr Triathleten wisst doch gar nicht mehr, wie ihr ohne Drogen die Treppen hochkommen sollt!“

Jupp’s Birne ähnelt in Bruchteilen einer Sekunde verdächtig dem Antlitz einer überreifen Tomate, die beim geringsten Anritzen der Haut zu platzen droht. Zutiefst erschüttert über diese haltlosen Verleumdungen und Vorurteile holt er tief Luft und lässt mit leicht überschlagender Stimme Dampf ab. „Das ist ja wohl die Oberhärte. Kommt dieser weiße Wurm und meint, mir Vorhaltungen machen zu müssen. Dem King von Kona überhaupt. Sach mal, du weißt wohl wirklich nicht, wenn du vor dir hast, oder?“
„Nee, ist mir auch egal. Ich sehe eine aufgeblasene Luftpumpe mit absoluten Blendermaterial und schlaffen Waden, die meint, sie könne Radfahren. Wie wär’s? Da vorne beginnt der Aufstieg. 5 km bis zu Bergwertung. Dann werden wir sehen, wer von uns der Blender ist.“

Fairerweise gibt Jupp erst gar keine Antwort mehr, wirft blitzschnell die Kette auf die Schreibe und rast mit mindestens Lichtgeschwindigkeit davon. „Dir werde ich es zeigen“, denkt er verschmitzt grinsend, „noch heute Abend wirst du deinen Stahlesel auf den Schrottplatz bringen und mit Hallen-Halma anfangen.“

Jupp ist noch nicht am Einstieg des Berges angelangt, als er sich triumphierend umdreht, um das erwartete Nichts hinter ihm zu bewundern. Fassungslos glotzt unser Eiermän in das grinsende, bleiche Gesicht seines Verfolgers, der wie eine Klette an seinem Hinterrad klebt.
„Toll, Junge. Und wann fängst du mit Rad fahren an?“ Sprach’s, attackiert vom Hinterrad des Carbon-Boliden und beschleunigt seinerseits mit kräftigen Tritten. Jupp spürt einen scharfen Luftzug und kann erneut die weißen, haarigen Waden von hinten bewundern. Aber dieses Mal hat das Ganze einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: es dauert nicht so lange. Denn ehe sich unser Hero versieht, hat diese modische Fehlentwicklung ihn am Berg stehen lassen und ist seinen Blicken entronnen.

Das kann nicht sein. Jupp ist zutiefst in seiner Triathlonehre gekränkt, schaltet unter wütendem Schnauben auf die Mörderübersetzung von 53/17 und tritt mit allem was er hat, in die Pedale. Der geneigte Leser weiß natürlich schon lange, dass dies nicht allzu viel sein wird. Und somit hat Jupp das Rennen verloren, bevor es eigentlich begonnen hat. Aber Jupp wäre nicht Jupp, hätte er nicht sofort einige Ausreden für sich und die Nachwelt parat. Zum einen ist der Typ erwiesenermaßen voll bis unter die Haarspitzen. Das hat er ihm natürlich vorhin schon nach dem ersten Blick angesehen. Zum zweiten ist Berge fahren für den König von Kona ja auch gar nicht so wichtig. Dort im Pazifik sind andere Qualitäten gefragt. Hitzverträglichkeit, aerodynamisches Equipment, braune Waden, um nur einmal die wichtigsten Punkte zu nennen. Und davon hat er ja wohl wirklich genug.

Pfff, soll der Irre doch gewinnen. Im Training bei Hitze kann jeder schnell, es kommt darauf an, im Wettkampf bei Hitze schnell zu fahren. So wie er. Aber erst in wenigen Wochen in Frankfurt, wenn er sich sein Ticket für Hawaii lösen tun wird. Bis dahin nimmt sich Jupp fest vor, auf keine noch so gemeine Provokation mehr zu reagieren. Eigentlich steht er ja über solch einer blöden Anmache. Aber warum musste ihn der Kerl auch so provozieren?

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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