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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

In the Heat of the Night
Juni 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänEs ist Freitagabend und Jupp lehnt sich nach einer arbeitsreichen Woche in der Firma mit den vier großen Buchstaben und einer ultrabrutalen Trainingswoche, die ihre Krönung noch am Wochenende erfahren soll, zufrieden zurück. Jupp lächelt selbstzufrieden, hat er doch ungezählte Kilometer im Wasser, auf dem Rad und in den Laufschuhen verbracht. Natürlich hat er die Kilometer doch gezählt. Es sind genau genommen: 1,33 km mehr Brust als Kraul – was kann Jupp für die starken Wellen??? Eben, gar nichts – 73,59 km auf seinem Hightech-Carbonboliden und 9,47 km in Laufschuhen. Also alles im Lot auf dem Weg zum Ticket nach Hawaii.

Sicher mag dem geneigten Beobachter der absolvierte Umfang eine dramatische Diskrepanz zwischen Trainings und Wettkampfanforderungen aufweisen, aber zum einen legt Jupp gesteigerten Wert auf Qualität im Training und zum anderen hat er das Ticket schon in der Tasche. Die Quali in Frankfurt in wenigen Wochen…reine Formsache. Eine Frechheit, dass er überhaupt starten muss. Sie könnten ihm das Ticket auch gleich so schicken. Da könnte wenigsten so eine andere arme Wurst in seiner Altersklasse versuchen, wenigstens den EM-Titel einzuheimsen. Unser Hero hat ja schließlich nichts mit diesem belgischen Kannibalen gemein, der in früheren Jahren einen Gegner nach dem anderen aus den Schuhen fuhr.

Leben und Leben lassen…so eins der vielen Lebenseinstellungen von unserem Eiermän. Und damit das am Wochenende mit den super-knallharten Intervalleinheiten auch was wird, hat Jupp beschlossen, heute Abend „Fünfe Gerade“ sein zu lassen und in seiner Lieblingskneipe ein Weizenbierchen zu trinken. Oder auch zwei, oder drei. Welche Auswirkungen solch ein Entschluss auf den Gemütszustand eines Weltmeisters in spe haben kann, sollen die folgenden Zeilen dem geneigten Leser verdeutlichen.

Jupp putzt sich fein heraus – es könnten ja auch Damen anwesend sein, nein Jupp meint nicht die gemeinen Thekenschlampen, die noch vom Vortag da stehen und die nur vergessen wurden – und macht sich auf den Weg zu seiner Lieblingskneipe. Dort angekommen, bahnt er sich den Weg zur Theke. Dass dafür ein Nebelscheinwerfer gute Dienste versehen würde, ignoriert unser Jupp. Und über die Belastung der gequälten Lungenflügel reden wir erst gar nicht. Jupp erkämpft sich seinen Platz am Tresen und denkt: „Prima Extraeinheit. Kann man wunderbar das Gerangel beim Schwimmstart beim Ironman simulieren und übt Atmung unter verschärften Bedingungen“ und bestellt beim knorrigen Barkeeper ein helles Hefeweizen. Lautes Gelächter zu seiner Linken erregt seine Aufmerksamkeit. Er blickt halb gelangweilt, halb in dem Wissen, der menschlichen Rasse haushoch überlegen zu sein, zu vier Männern, die eine angeregte Diskussion führen.

Jupp schaltet seine Lauscher auf Empfang und glaubt denselben nicht zu trauen, bei dem Schwachfug, den er sich da anhören muss.
„Also, ich sach ja, Fußballer sind die Könige aller Athleten.“
Zustimmendes Nicken und Murmeln der übrigen drei Flachzangen, die unterwürfig dem Wortführer lauschen. Der legt seine linke Hand demonstrativ auf seine riesige Wäschetrommel, die er vor sich her schiebt und stemmt mit der rechten sein wahrscheinlich 17. Pils des Abends.
„An diese athletischen Körper, die vor Kraft und Dynamik geradezu sprühen, kommt einfach keiner vorbei. Schaut doch mal, nehmen wir die Boxer. Gut, die sind teilweise auch recht muskulös, aber können die rennen? Nee, müssen aufpassen, dass sie sich nicht die Beine brechen.“
Alle lachen wieder laut prustend los und genehmigen sich einen tiefen Schluck ihres gold schimmernden Getränks.
„Oder noch schlimmer. Diese Ausdauer-Fuzzys. Glauben echt, sie seien etwas besonderes, weil sie mehr als drei Meter am Stück rennen können. Jeder passable Mittelfeldmotor in der Liga läuft an jedem Wochenende weiter. Und in den Trainingseinheiten, was da geleistet wird, da brauchen wir uns erst gar nicht drüber zu unterhalten.“

Gut das mit dem Laufstil der Boxer mag ja noch angehen, aber sollen die Jungs laufen oder boxen??? Eben. Aber diese überbezahlten Schauspieler als Sportler zu bezeichnen, ist nun doch ein wenig zu viel für unseren Hero. Jupp nimmt einen langen Zug aus dem Glas seines gut gekühlten Gerstensaftes, das dennoch irgendwie schal schmeckt, holt tief Luft und schwadroniert auf der ihm angeborenen, sanften Weise, die im übrigen keinem Bluthochdruckkandidaten zur Nachahmung empfohlen wird, los:
„Jetzt reicht es aber, ihr Schwachmaten. Fußballer und Sportler, also, das schließt sich per Definition schon mal aus. Und dann noch die Könige der Athleten. Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich ja jetzt laut loslachen. Wenn ihr den wahren König der Athleten sehen wollt, wendet eure krummen Hälse nach rechts. Steht direkt vor euch, sozusagen.“

Der derartig derb angepflaumte, bierglasschwingende Hauptredner und seine drei Sklaven drehen sich auch gehorsam um und schauen verdattert auf unseren Eiermän, der natürlich völlig unbewusst den Bauch eingezogen, die Brust herausgestreckt und auf Pressatmung umgestellt hat. Die vier Kampftrinker mustern ihn von oben bis unten, ehe der Wortführer fragt:
„Was bist du denn für ein komischer Vogel. Willst du Hänfling dich etwa in Gesprächen unter richtigen Männern einmischen?“
„Ich geb dir gleich Hänfling. So was muss ich mir von einem rollenden Fass wie dir nicht bieten lassen. Aber ich will heute nochmals Gnade vor Recht ergehen lassen, weil es so ein gemütlicher Abend ist und das Bier schön kalt ist. Aber hört mal, Männer, dass mit den Fußballern geht ja wohl überhaupt nicht. Könige der Athleten??? Na sach mal, wie kommt ihr denn auf den Blödsinn? Der König der Athleten steht vor Euch. Der Triathlet, das obere Ende der Nahrungskette, Gottes definitives Ebenbild, der Mann, nach dem sich alle Frauen verzehren…kurzum ein Eiermän.“

Den vier Pilskennern fällt die Kinnlade gewaltig Richtung Bierbauch und alle können froh sein, dass der Schwerkraft ein massives Gelenk im Kopfbereich des menschlichen Körpers entgegenwirkt, sonst wären im nächsten Moment vier heftige Einschläge auf dem Fußboden der Kneipe zu verzeichnen gewesen. Die Gesichtszüge der Typen, deren behaarten Stelzen aus hypermodernen Shorts herausschauen und in ebenfalls stets trendigen Sandalen mit weißen Tennissocken enden, können einfach nicht fassen, was sie da eben gehört haben. Dieser Wicht wagt es tatsächlich, die Leistung der alles verzaubernden Ballakrobaten zu kritisieren und hält sich selbst für einen, der nicht mehr getoppt werden kann. Das ist zu viel. Die Typen schauen sich an und öffnen stumm ihre Münder, weil sie immer noch nicht wissen, ob sie sich das Gehörte einfach schön saufen sollen oder lauthals los lachen.
Jupp ist beflügelt dank der sich ihm darbietenden Reaktion und holt weiter aus. Er rezitiert die Vorzüge des Ausdauersports, seinen Lebenslauf, vergisst seine früheren Duelle mit seinem Nachbarn nicht, den er stets versägt hat und empfiehlt ihnen, in wenigen Wochen nach Frankfurt zu kommen, um im bei seinem Triumphzug Richtung Hawaii live zu begleiten. Jupp redet sich geradezu in Rage und hört plötzlich tief in seinem Kopf die Erkennungsmelodie von Star Wars. Entzückt lauscht er den Klängen, während er unentwegt weiter redet.
„…und so will ich euch sagen, kommt einfach mal bei mir im Training oder Wettkampf vorbei und ihr werdet nie mehr einen Gedanken an einen Locco Tona und wie sie alle heißen, verschwenden. Barkeeper, noch ein helles Hefe, bitte.“

Die vier Totgequatschten lösen sich aus ihrer Starre und nutzen die Gunst der Stunde, in der unser Hero kurz abgelenkt ist. Sie suchen fluchtartig in einer Geschwindigkeit, die ihnen wirklich keiner zugetraut hätte, das Weite. Als Jupp, mit neuem Hefe bewaffnet, sich wieder umdreht, ist der Platz neben ihm verwaist. „Hmm“, denkt unser Hero, „kann mich mal wieder nur selbst loben. Sind die Jungs doch direkt los, eine kleine Laufrunde ums Lokal zu absolvieren. Großartig.“
Ein wirklich gelungener Tag. Gut trainiert, ein paar Ungläubige bekehrt und jetzt noch ein kaltes Bier in der Hand. Das Wochenende kann also kommen.

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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