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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Katzenjammer!!!
Juli 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänJupp sitzt gramgebeugt in seinen vier Wänden und starrt sinnlos Löcher in die Luft. Verflogen ist die Euphorie im Zeichen der Adrenalinausschüttung beim Eiermän in seiner deutschen Heimat, als er mit dem Sattel bewaffnet durch die Wechselzone sprintete. Dummer-weise ohne das normalerweise am unteren Ende des Sattels festgeschraubte Rad. Sein hypermoderner, das UCI-Gewichts-limit gnadenlos unterbietende, Rennhobel hatte ihn schmählich in Stich gelassen. Spontan hat er noch vor Ort beschlossen, Ende August in Kanada sein Ticket für den Pazifik zu lösen. Gar nicht dumm, hat unser Hero auch sofort bei dem berühmt, berüchtigten Reiseveranstalter Weber’s Hardcore-Trip sein Ticket über den großen Teich gelöst. Jetzt – nachdem er wieder klar in der Birne ist – wird ihm bewusst, dass er sich die Reise gar nicht leisten kann. Eigentlich? Aber wozu gibt es das klassische Sparschwein, dass er zu Plündern bereit ist.

Jedenfalls vermiesen dieser Umstand und die Tatsache, dass er quasi kampflos den Titel an irgendeine Pappnase abgeben musste, unserem King of Kona ganz gewaltig die Stimmung. Natürlich gibt es noch einen Umstand, der Jupp viel stärker die Petersilie verhagelt, was er aber nie öffentlich zugeben würde: Sein alter Intimfeind und Ex-Nachbar hat auf Lanzarote das Hawaii-Ticket gelöst und er noch nicht.
Das nagt an unserem Hero und er weiß momentan nicht, was er dagegen tun kann. Mehr Training, damit es in Kanada auch wirklich klappt? Nö, braucht Jupp nicht. Er ist doch schon mit einem hochgezüchteten Formel 1 Motor vergleichbar. Topfit war er hinter der Startlinie an diesem schmutzigen Badetümpel in der Bankenmetropole erschienen, hat der geneigte Zuschauer vor Ort ja nach seiner Schwimmperformance feststellen können.

Nein, Training ist es nicht, was Jupp aus seiner Sinnkrise befreien könnte. Sondern? Tja, genau das ist der springende Punkt. Unser Hero weiß es selbst nicht. Er sieht keinen Sinn mehr in den täglichen Mühen und würde sich am liebsten vergraben. Da dies natürlich keine Option ist, würde er sich gerne mit seinem Mädels auf seine Terrasse legen und sich die Sonne auf sein One-Pack scheinen lassen. Aber nicht einmal die Wärmequelle unseres Heimatplaneten tut ihm den Gefallen. Seit Tagen regnet es nahezu ununterbrochen. Dazu ein unangenehmer Wind, der schon im Hochsommer die meisten Bäume entlaubt. Sommer in Deutschland!!!

„Eine Urlaubsreise wäre jetzt nicht schlecht. Wenigstens für eine Woche diese nasse Tristesse gegen feinsten Sonnenschein tauschen und der Damenwelt den gestählten Astralkörper präsentieren.“ Jupps Miene hellt sich bei dem Gedanken kurz auf, um dann gleich drauf noch düsterer dreinzublicken. Dafür fehlt im das Geld, das er ja in seinen Trip nach Kanada investiert hat. Sicher könnte er diesen stornieren, aber dann hätte er schon wieder keine Chance, allen Freizeit-Triathleten auf Hawaii zu zeigen, wo der Hammer hängt. Ein Teufelskreis. Und unser Hero mittendrin, ohne Chance zu entkommen.

Er kann es drehen und wenden wie er will: Jupp sitzt in der Falle. Keine Motivation. Keine zündende Idee. Was also tun? Vielleicht bringt es ja was, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Immerhin ist er ein sportlicher Allrounder, so dass er mal für ein paar Tage in eine andere Sportart reinschnuppern könnte. Und da ja Sommer ist – ja, ja, zumindest offiziell – und er seinen Beinen sonst immer alles abverlangt, könnte er seinen eh schon strammen Oberkörper noch ein wenig weiter stählen. Unser Hero erhebt seinen trägen Body von der Wohnzimmercouch und tänzelt aufgeregt durch seine Wohnung: er geht zu den Kanuten.
Täglich auf dem Weg zur Arbeit fährt er mit dem Rad an einem kleinen umzäunten Baggersee vorbei, an dessen Eingangstor ein großes Schild auf den Verein der Rennkanuten seiner Heimatstadt hinweist. Und er muss zugeben, die Jungs die ihm da schon begegnet sind, sahen im Schulterbereich furchteinflößend aus. Genau das Richtige, um seine Schwimmmuskeln bei Laune zu halten.

Am nächsten Abend auf dem Heimweg sieht unser Hero, dass auf dem Gelände Betrieb herrscht. Eine Vollbremsung später, hat er sein „Geschäftsfahrzeug“ schon vor dem Bootsschuppen geparkt und beginnt, auf der ihm unnachahmlichen Weise Kontakt mit den vor Ort weilenden Menschen zu knüpfen.

„Tach zusamen, ich bin de Jupp. Ich bin eigentlich Triathlet, also genauer gesagt, Ironman. Ihr wisst schon, die Könige der Athleten. Aber ich dachte mir, auch mal in eine andere Sportart reinzuschnuppern wäre nicht schlecht. Und voila, hier bin ich! Am Besten gebt ihr mir mal so ein Paddel-Dings, äh, wie heißt dass…ah ja, Kanu und schaut mir zu und lernt.“

Wie beinahe jedes Mal hinterlässt unser Hero mit seinen gewohnt von Bescheidenheit durchzogenen Reden Eindruck bei den Zuhörern. Sie grüßen ihn höflich.
„Die sind ja jetzt schon vor Ehrfurcht erstarrt“, denkt Jupp „was gibt das wohl erst, wenn die mich über das Wasser gleiten sehen. Massenaustritt aus dem Verein!“ Dämlich grinst Jupp vor sich hin und bemerkt, dass die meisten sein Grinsen erwidern. Was er mal wieder nicht merkt, ist die Tatsache, dass das Grinsen der Umstehenden nicht dämlich, sondern leicht boshaft ist.

Vor Jupp wird es plötzlich dunkel. Aus seinen triumphierenden Gedanken gerissen blickt Jupp auf und start auf das obere Ende eines gewaltigen Sixpacks. Darüber wird es breit, sehr breit. So breit sogar, dass er nicht von einem Ende der Schulterpartie zur anderen blicken kann, ohne den Kopf zu bewegen. Und diesen muss er schon fast in den Nacken legen, um dem Mutanten vor ihm ins Gesicht blicken zu können.
„Wer oder was ist das?“ fragt sich Jupp „The Incredible Hulk in hautfarben, oder was?“
„Hallo Jupp. Ich bin Kevin und leite hier das Training. Willkommen bei uns im Verein. Wir wissen Leute zu schätzen, die genau wissen, was sie wollen. Am Besten ziehst du dich da drüben mal um, ich bringe dir derweil ein Boot ans Wasser, dann kannst du gleich loslegen.“

Jupp tut wie ihm geheißen – in der Größenordnung signalisiert Jupps Überlebenstrieb – einfach mal die Klappe zu halten. In seinem besten Triathlon-Einteiler, der seine gottgleiche Figur noch besser betont, erscheint er wieder aus der Umkleide und begibt sich zum Ufer, wo alle anwesenden Kanuten sich schon versammelt haben und auf ihn warten.

„So, dann komm mal her, Jupp“, ruft Kevin ihm schon entgegen, „ich halte das Boot, damit du einsteigen kannst, schieb dich ein Stück raus und dann kann es los gehen.“ Die scharfzüngige Erwiderung, dass er kein alter Sack sei und keine Hilfe benötige, schluckt unser Eiermän beim erneuten Blick auf die muskulösen Arme von Kevin wieder hinunter.

Jupp krabbelt ins Boot, nimmt das Paddel in die Hand und denkt, dass dies doch alles wieder ein Kindergeburtstag sei.
„Kann los gehen.“ Brüllt Jupp, hebt das das Paddel, um mit wuchtigen Schlägen für Vortrieb zu sorgen, als die Welt vor seinen Augen eine unglaublich schnelle Kreisbewegung durchführt und er völlig verblüfft beim nächsten Atemzug eine gehörige Portion Wasser schluckt und ihm plötzlich klar wird, dass er wohl gekentert sein muss.

„Gekentert? Scheiße, da muss ich mich ja befreien, sonst könnte es ein Problem geben. Obwohl??? Da war doch was mit so einer Eskimorol…“

Bevor Jupp klar denken kann, wird er von zwei Pranken an den dürren Ärmchen gepackt und wieder an die Wasseroberfläche gezerrt, wo er heftig prustend nach Luft schnappt. Als das Wasser wieder aus seinen Ohren gelaufen ist, hört er lautes Gelächter ums sich herum. Jupp wischt sich das Wasser aus den Augen und erkennt, dass Kevins Augen vor Tränen schwimmen. Als dieser sich einigermaßen beruhigt hat, fragt er den klatschnassen Jupp.

„So Junge, das wäre mal geklärt. Willst Du es nochmals in einem vernünftigen, für Anfänger geeigneten Boot probieren oder bleibst du nicht besser bei deinem Triathlon?“
Jupp muss nicht lange überlegen. Leise fluchend eilt er zu seinem Rad, im Rücken spürt er die spöttischen Blicke.

„Nur nicht umdrehen, alter Junge“, beruhigt er sich selbst, „sollen diese Irren doch auf ihrer Wasserpfütze glücklich werden. Ich weiß jetzt wieder, wo ich hingehöre. Ab sofort wird meine gesamt Aufmerksamkeit wieder Kanada gehören.“

Wütend schnappt Jupp sein Rad und heizt davon. Zu Hause angekommen, zieht unser Hero folgendes Resümee. „Schwimmen war ich ja heute schon, Intervalle auf dem Rad habe ich auch absolviert und einen Berglauf zum und vom Ufer habe ich auch hinter mich gebracht. Also Zeit für ein Weizen.“

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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