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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

He’s got the ticket to ride…
September 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänZu den Klängen seiner alten Kumpels der Starkstrom/ Wechselstrom – Fraktion werden die letzten Sekunden heruntergezählt. Der Startschuss hallt wie ein Donnergrollen von Gottvater Zeus über den See und Jupp sprintet mit knapp 2.000 gleichgesinnten Irren über den Strand ins kühle Nass. Doch etwas ist anders!
Der markerschütternde Schrei, der seltsamerweise nach der Titulierung eines japanischen Zwergbäumchens klingt, hallt durch die Luft. Jupps Konkurrenten halten verwirrt für einen Moment inne. Jupp verstummt, als er das hüfttiefe Wasser erreicht hat und freut sich diebisch über den Vorsprung, den er gegenüber diesen Trotteln herausgeholt hat. Mit einem eleganten Bauchplatscher, nimmt er das Rennen auf. Währenddessen erklimmt ein erster zarter Sonnenstrahl die Gipfel der umliegenden Berge und taucht die Landschaft in gedämpftes, orangefarbenes Licht.

Unser Eiermän hat natürlich für solch einen sentimentalen Postkarten-Idyllle-Scheiß keine Zeit. Mit kraftvollen Zügen pflügt unser Hero durch die Fluten, den mit 50 m Vorgabe gestarteten Profis hinterher. Bei der Wettkampfbesprechung hat Jupp noch gelästert, dass die Jungs und Mädels dies wohl nötig hätten, sonst würden sie in seiner Flutwelle ertrinken. Der geneigte Zuschauer reibt sich dann an diesem frühen Morgen verwirrt die Augen: das, was Jupp da im Wasser fabriziert, hat doch tatsächlich was mit Schwimmen zu tun. Dass ihn dennoch der größte Teil der kurz zuvor im Sand verharrenden Horde überholt, juckt Mr. Ausdauer-King himself nicht weiter. Das Rennen beginnt schließlich erst wirklich, sobald er wieder festen Boden unter den Füßen hat und sich in den Sattel seines Hyper-Carbon-Boliden schwingt. Beim Schwimmen kann man keinen Eiermän gewinnen, wohl aber verlieren. Und daher gibt Jupp alles und erreicht sogar noch vor vier anderen das rettende Ufer.

Von diesem Moment an läuft alles, wie er sich das schon mindestens ein oder mehrere Leben lang vorgestellt hat. In der nun übersichtlichen Wechselzone findet er in Bruchteilen von Sekunden sein Pferdchen, zäumt es auf und trabt – dieses Mal sehr vorsichtig – zum Ausgang der „Transition Area“ – wie man das wohl auf neuhochdeutsch so nennt. Er schwingt sich in den Sattel, na ja, ehrlich gesagt, bremst er aus vollem Lauf ab, bringt den linken Fuß vorsichtig auf die Oberfläche des professionell bereits am Pedal befestigten Schuhs und schwingt sich nach guter „Alter-Herren-Manier“ in den Sattel. Schon fünf Kilometer später hat er zwei Powerbar reingezimmert, eine Trinkflasche geleert und die nassen Füße in den Schuhen verstaut sowie diese verschlossen. Und das alles unfallfrei!!!

Mit finster entschlossenem Blicken hinter seiner stark verdunkelten Sonnenbrille der Marke Breakday – selbstredend, dass es sich hier um den Marktführer und intergalaktischen Checker der Besten handelt – beginnt Jupp das Feld von hinten aufzurollen. Und auch jetzt ist es für den interessierten Zuschauer von Belang, sich erneut verwundert die Augen zu reiben. Unser Hero pflügt nahezu durch die Heerscharen feindlicher Triathleten – um mal auf ein abgewandeltes Zitat aus dem Buch der Bücher zurückzugreifen – und macht Position um Position gut. Was ist denn nun los? Das böse D-Wort? Nicht doch unser Jupp, der ist sauber, kommt ja schließlich gerade vom Schwimmen. Ein Blick auf den Carbon-Vorbau seines Boliden lässt die letzten Zweifler verstummen: ein Photo seines Ex-Nachbarn aus Kölle. Jedes Mal wenn er seinen Kopf kurz nach unten neigt und mit gehetztem Blick seine Vorräte an Kraftfutter checkt, dringt ein tiefes Knurren aus seiner Kehle. Hätte sich unser Eiermän nicht just in freier Natur sondern in einem stark frequentierten öffentlichen Gebäude aufgehalten, hätte man ihn wahrscheinlich augenblicklich als ausgeticktes Mitglied der turbantragenden Rauschebärte verhaftet.

Mit derweil Dynamit in den Beinen erreicht Jupp die zweite Wechselzone und hat wirklich einen beträchtlichen Teil des hinteren Feldes überrollt. Wer nun denkt, dass die Motivations-Animation flöten geht und unser Hero mit heraushängender Zunge von einem Konkurrenten nach dem anderen wieder aufgesaugt wird, hat die Rechnung ohne unseren Langstrecken-Gott gemacht. Flugs vom Pferdchen verabschiedet, rin in die Rennpuschen und ein Käppi gegen brutzelnde Sonne auf den mit dünnem Haupthaar versehenen Quadratschädel. Plötzlich scheint sich das schützende Schild vom Käppi zu lösen. Etwas schwingt irgendwie deplatziert vor der linken Gesichtshälfte von unserem Eiermän hin- und her. Laute Flüche? Gewaltiges Gezeter? Fehlanzeige…

Was ist denn nun schon wieder los, fragt sich der geneigte Zuschauer zum dritten Mal an diesem langen Tag. Die Erklärung ist so verblüffend, dass es schon wieder einleuchtend ist. Jupp hat an dem Schild seines Käppis ein weiteres Photo seines alten Nachbarn getackert, dass er nun mit dem linken Auge stets im Blickfeld hat. Mit dem rechten Auge kann man sich allemal auf die Strecke konzentrieren. Und auch diese Rechnung geht auf: Jupps allgemein erwarteter Einbruch bleibt aus und er wälzt sich wie eine Dampframme über die Marathonparcours und erreicht schließlich laut über sein gottgleiches Wesen parlierend die Ziellinie. Die aufmerksamen Beobachter dieses historischen Ereignisses berichten später, dass zahlreiche Besitzer von Wettbüros nur mit massiven Polizeieinsatz davon abgehalten werden konnten, sich auf den durchgeknallten Teutonen zu stürzen, der sie ein Vermögen gekostet hat.

Nun, Jupp unser Eiermän hat es also gepackt und ist ein Eiermän 2009. Jetzt blicken alle gespannt, inklusive unserem Hero, auf die Uhr: 11:38:43 h!!!
Wow, da bleibt aber nun wirklich jedem die Spucke weg. Nur einem natürlich nicht: Jupp versucht, sich an den Siegern vorbei vor die Fernsehkameras zu drängen und gibt Statements zu gelungenen Rachefeldzügen an ehemaligen Nachbarn ab. Leider vergisst er dabei, auf welchem Kontinent er sich gerade befindet und nur das beherzte Eingreifen einer mitleidigen Rennärztin ist es zu verdanken, dass Jupp nicht nonstop weiter nach Guaranamo gereicht wird, um die nächsten vierzig Jahre dort den Rasen mit Double-Uus Nagelschere zu schneiden. Sie erklärt den griesgrämig dreinschauenden und kaugummikauenden muskelbepackten Monstern, dass dieser Athlet über seine Grenzen gegangen sei und dringend eine Infusion benötige, damit er wieder klar denken könne. Widerwillig ziehen die in Zivil gekleideten Herdentiere wieder ab und Jupp kann sich tatsächlich dem hingeben, worauf er schon etliche Jahre hin zugearbeitet hat: der Feier seines Tickets für das große Finale im Pazifik auf Hawaii. An dem Ort, aus dem aus dem Fernduell das reale Duell der Giganten werden wird, bei dem Schummel-Schumis beinahe Comeback und Legweaks tatsächliches Comeback den berühmten Reis-Säcken im Land der aufgehenden Sonne gleichen werden.

Aber erst einmal heißt es, die verlorenen Kalorien bei der Feier der klapprigen Figur wieder zuzuführen. Feuer frei oder auch: Wirt, schenk ein, was deine Fässer hergeben. Nach weiteren 25 Stunden und dem Verlust der Muttersprache sitzt Jupp mit einem lustigen Schild um den Hals im Flieger Richtung good, old Germany. Er hat es gepackt! Er ist der Größte! Er hat es immer schon gewusst!

Selig und dümmlich grinsend schlummert Jupp ein. Die Flugbegleiterinnen sind zufrieden. Kein endlos langes nervtötendes Gesabbel von ihrem auf dem Hinflug renitenten Passagier. Denn das Schicksal meint es hart mit ihnen: erwischt es doch dieselbe Crew wie auf dem Hinflug. In Frankfurt verabschiedet sich ein gut gelaunter Jupp von der Crew, holt sein Pferdchen vom Transportband und überlegt auf der Heimfahrt schon die nächsten Trainingsaktivitäten, damit er seinem Erzfeind in Kölle so richtig eine reinwürgen kann.

Denn nach dem Triathlon ist vor dem Triathlon…

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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