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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

The Last Stand
Oktober 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänJupp steigt aus dem Flieger und genießt von der ersten Sekunde an die dichte Atmosphäre, die auf ihn einstürmt. Vogelgezwitscher erfüllt die von gleißender Hitze flimmernde Luft und kein Lufthauch sorgt für Abkühlung. Unser Hero schiebt seine Auggley von seinem spärlich behaarten Haupt über die Augen und denkt vergnügt:
„Wow, was eine geile Location. Ein idealer Ort zum Heldenzeugen. Ich bin also angekommen am Ziel meiner Wünsche. Jetzt werde ich die Insel rocken und meinen ollen Ex-Nachbarn aus Kölle vernichten. Einfach herrlich.“

Jupp schnappt vergnügt sein Equipment, trabt in seine Unterkunft – ein malerisch am Highway gelegenes 600 Betten Motel mit Rundum-Sorglos-Paket und beschließt, am kommenden Morgen erst mal die Insel mit seinem Hightech-SuperDuper-Boliden zu erkunden. Nach einem kurzen Absacker – von wegen, es gibt kein Bier auf Hawaii – begibt sich Jupp in seine Koje und schläft den Schlaf der ungerechten Eiermänner.

Am nächsten Morgen – noch drei Tage bis zum großen Event – bricht Jupp auf, um die Insel zu erkunden, nachdem er in aller Frühe einen Teil der Schwimmstrecke schon erkundet hat. Wollte die Natur mit den Delfinen genießen… und was war? Geschätzte 25.000 andere Vollpfosten haben sich mit ihm um 5.00 Uhr ins Wasser gedrängelt. Scheinbar leiden die alle noch unter dem Jetlag.

Nach einem kohlehydratreichen Sportlerfrühstück – komischerweise schmeckten die Frühstückflocken irgendwie nach Käse und Hackfleisch, aber in Amiland ist wohl alles möglich – packte er sein bestes Pferdchen und machte sich auf den Weg nach Hawi. Plötzlich Wind aller Orten, aber durch die Tatsache, dass auch die anderen Triathleten nicht untätig in ihren Hotels abhängen, konnte man diesem kraftraubenden Element wie in einem Radrennen geschickt aus dem Weg gehen. Man musste sich ja nicht als der Volltrottel outen, der ganz vorne an der Spitze der Gruppe fährt. Wieder zurück im Motel, noch ein paar Meilen – man muss sich ja an die örtlichen Gegebenheiten anpassen – gejoggt und dann zwei Tag lang die Füße hochgelegt…

Am Morgen des Megaevents steht Jupp um kurz nach 04.00 Uhr in der tiefschwarzen Nacht, die von gleißenden Scheinwerfen in unnatürliches Licht getaucht wird, am Pier von Kailua Kona. Der große Tag ist endlich gekommen, darauf hat er jahrelang hin gearbeitet. Jetzt wird hier in den nächsten Stunden die Kuh fliegen. Bodypainting erfolgreich hinter sich gebracht, das Pferdchen auf seinen Platz gebracht, die Wunderriegel allesamt am Rad verstaut und den Laufbeutel abgegeben. Der Startschuss rückt näher und unser Hero saugt das in der Luft liegende Adrenalin ins sich auf.

In der Masse der Mehrkämpfer hat er seinen Lieblingskonkurrenten noch nicht ausmachen können. Er spürt ihn aber und weiß, dass heute Zahltag ist. Jupp spaziert zum Strand und ist völlig relaxt. Noch ein wenig einschwimmen, ein donnernder Kanonenschuss verkündet den Start der Pros und Jupp wäre beinahe schon losgebügelt, denn wenn jemand diese Bezeichnung verdient gehabt hätte, dann eigentlich er. Aber er muss ja nur noch 15 min warten.

Plötzlich zerreißt ein weiterer Donnerhall die morgendliche Stille und alle donnern los, als gäbe es kein Morgen mehr. Auch unser Hero prügelt sich durch den leichten Wellengang und erreicht tatsächlich in Mitten der großen Massen den Wendepunkt, ohne einmal gekübelt zu haben. Der Rückweg ist ein Klacks und Jupp hat erstmals Probleme damit, sein Bike zu finden. Was ist los??? Verwundert reibt sich unser Eiermän das Salzwasser aus den geröteten Augen – da stehen ja noch so viele Fahrräder – sollte er wirklich nicht als Letzter aus dem Pazifik gekrabbelt sein.

Noch besser gelaunt packt Jupp seinen Carbon-Renner am Oberrohr – aus Schaden wird man ja klug – und wuselt aus der scheinbar nicht Enden wollenden Wechselzone. Auf dem Bike wird kräftig gedrückt und auch hier merkt er den starken Wind wieder nicht. Die Szene erscheint irgendwie surreal…kommt sie ihm doch genauso vor wie vor drei Tagen im Training. Ein geschlossenes Peleton scheint über die Insel zu rasen. Hat den Vorteil, dass es einem nie langweilig wird, weil man sich auf den 180 km immer mit jemand anderem unterhalten kann. Die Zeit vergeht wie im Fluge und ratzfatz hat Jupp schon die Laufschuhe geschnürt.

Puh, jetzt merkt unser Eiermän doch die Hitze. Egal, da müssen alle durch. Jupp blickt auf das Passbild in seiner Hand – ein Portrait seines Ex-Nachbarn. Motiviert bis unter die dürftigen Haarspitzen setzt unser Hero einen Schritt vor den anderen. Rein ins Energy-Lab und wieder raus. Noch ein paar Kilometer und schon ist er auf der Ziellinie. Wow, er ist ein Eiermän….Lächerlich der Kommentar dieses aufgekratzten Sprechers, der sich wohl für eine hawaiische Ausgabe von Michel Paffer hält, wo er doch diesen Sport quasi von Anfang an geprägt hat.

Jupp genießt die Atmosphäre im Ziel, schüttet das auf der Insel nicht vorkommende Gebräu in Massen in sich hinein und registriert nach knapp zwei weiteren Stunden mit dickem Kopf, die Ankunft seines ehemaligen Nachbarn. Er baut sich sofort vor ihm auf.

„Ey, du alter Pfeifenkopp. Bist du auch schon da? Du Träne. Jetzt habe ich dir endlich alles heimgezahlt. Ich bin ein Eiermän, du bist ein trauriger Trottel, der den Titel nicht verdient hat. Jetzt habe ich alles erreicht im Leben…äh ja, und muss mir wohl neue Ziele setzten…“

Jupp lässt den verdatterten Kollegen aus der Altersklasse stehen und wandelt verwirrt durch die Zuschauerreihen. „Was hatte er da eben gesagt? Alles erreicht? Ja, stimmt schon. Und jetzt?“
Jupp schaut sich um. Saugt erneut den Zauber der Insel ins sich auf. Er fasst einen Entschluss, geht zurück ins Motel und wählt eine Nummer in Deutschland.
„Ja, hallo, Chef??? Meier hier, was, ja, aus Hawaii. Der Eiermän? Habe ich schon lange rum. Bin jetzt quasi berühmt he, he. Hören Sie zu Chef. Ich kündige. Ich bleibe hier. Was??? Ne, ich war noch nie so klar in der Birne. Ich brauche eine Auszeit. Vielleicht komme ich mal wieder zurück. Midlife-Crisis? Blödsinn, ich war noch nie so sorgenfrei wie im Moment…“

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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