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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Eiszeit
Januar 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänJupp kann es langsam aber sicher nicht mehr hören. Klimaerwärmung!!! Dieser Winter ist seit Beginn der Wetteraufzeichnungen kurz nach der Steinzeit der mit Abstand Mildeste. Auch die kurzfristigen Wetterprognosen versprechen täglich eine Erwärmung.

Und wie sieht die Realität aus? Wir schreiben bereits das Jahr 2009 und der erste Monat ist auch schon bald wieder abgehakt. Und es ist schweinekalt. Wenn er nur an das böse Wort Kälte denkt, fällt unser Eiermän in eine Art Schockstarre. Mal davon abgesehen, dass Jupp seine schön beheizte Wohnung nur noch zum Arbeiten und Einkaufen verlassen will und seine leidgeprüfte Katze täglich als Wärmekissen missbraucht, macht er sich ernsthafte Gedanken über seine winterliche Frühform.

Diese braucht er schließlich, um im Sommer den Möchtegern-Dreikämpfern in der hessischen Bankenmetropole das Fürchten zu lehren. Letztes Jahr um diese Zeit hat er die Freizeit-Jogger auf seiner Hausstrecke, so er sie in seinem Geschwindigkeitsrausch überhaupt wahrnehmen konnte, mit einem 8:33er Schnitt auf seiner 4.73 km langen Teststrecke beeindruckt.

Und jetzt??? Nicht einmal war er auf seiner Strecke. Jupp hat keine Ahnung, was er so drauf hat. Was er aber ganz sicher weiß, ist die Tatsache, dass er eine unwahrscheinliche Aura verströmen muss. Denn kaum am Arbeitsplatz angekommen, spürt er die brennenden Blicke der Kolleginnen und das missbilligende Kopfschütteln der männlichen Konkurrenz…obwohl, welche Konkurrenz??? Jupp steht so weit oben in der Nahrungskette, dass das Gedeihen seiner Geschlechtsgenossen nur von seinem guten Willen abhängt. Und das, obwohl er sich fühlt wie eine Tiefkühlpizza. „Wo soll das nur alles enden?“ fragt er sich selbstgefällig.

Wie wir unseren Hero kennen, kommt er überhaupt nicht auf die Idee, dass er die Blicke missdeuten könnte. Ihm würde es vielleicht wie Schuppen aus den Haaren fallen, wenn er nicht auf seiner eigenen Wolke vorbeischweben würde, sondern einfach mal seinen Mitmensche zuhören würde.
„Meine Güte, der wird auch immer fetter…“ flüstert die Schreibdame der Sekretärin des Oberbosses zu, was diese mit einem teuflischen Grinsen bestätigt.
„Mein Gott, das will ein erfolgreicher Triathlet sein. Da muss ich aber mal laut lachen. Wer so einen Ranzen vor sich herschiebt, der kann doch nicht mal zehn Meter schnell rennen, ohne nach Luft zu japsen.“ Meint auf jeden Fall Kollege B. Ender, der sich als einigermaßen erfolgreicher Hobbyläufer sieht und das auch immer wieder mit vorderen Platzierungen bei diversen Läufen nachweist. Im Gegensatz zu unserem Hero, der sich wie der smarte Tex-Mex-Man nur auf ein Ziel fokussiert.

Und genau dieses Ziel droht Jupp aufgrund der arktischen Temperaturen aus den Augen zu verlieren. Schließlich ist er Triathlet geworden, weil er mit Wintersport eigentlich nichts weiter am Hut hat. Gut, im Fernsehen kann man sich das Reinpfeifen, aber selbst machen??? Never ever!
Aber alles Jammern hilft nichts. Heute, ja heute geht es los. Beim Gedanken daran läuft Jupp mit grimmiger Miene, die eine leichte Tendenz zu einer weinerlichen Grimasse nicht verbergen kann, nach der Mittagspause über das Werksgelände der Firma mit den vier großen Buchstaben zurück zu seinem Büro. Eine tägliche Selbstkasteiung, die sich unser Eiermän zumutet, aber ein leerer Sack kann schließlich nicht stehen und so müssen eben ständig Kohlehydrate nachgelegt werden. Würde ja gerade noch fehlen, wenn er sich aufgrund seines drohenden Untergewichts eine Erkältung einfangen würde, die ihn noch länger von der Umsetzung seines „Yes, I can“ – Trainingsplanes abhält.

Wenige Stunden später muss alles blitzschnell gehen…raus aus der Firma und ab nach Hause. Was ziehe ich nun nur an? Nein, diese Frage stellt nicht etwa eine neue Damenbekanntschaft ins Jupps Leben. Es ist der Meister HIMSELF, der mit sich selbst ausdiskutiert, ob zwei oder drei lange Tights das ultimative Mittel für einen gemütlichen LongJog zum Wiedereinstieg über 36,4 km nach knapp sechs Wochen Laufpause sind. Schließlich muss man die schon tief stehende Sonne mit ins Kalkül ziehen und bedenken, dass nach deren Untergang die Temperaturen noch weiter in den Keller sacken. Obenrum trägt der gute Jupp ein atmungsaktives High-Dry-Funktion-Langarm-Trikot mit negativer Gore-Funktion und ein dünnes Laufwestchen. Müsste reichen, Jupp friert immer mehr an den dünnen Beinchen. Aber warum hat er die Temperatur der Waschmaschine beim letzten Waschen der Weste so hoch geregelt. Ist ganz schön eingelaufen, das gute Teil und spannt gewaltig an meine Herkules-Schultern. Obwohl, Jupp schaut leicht resigniert nach unten…eher am Obelix-Bauch.

Schlecht gelaunt stapft unser Eiermän los und wirbelt um die erste Kurve. Ein lautes Klatschen verkündet jedem Lebewesen im Umfeld von zwanzig Metern, dass etwas Weiches auf etwas sehr Hartes aufgeschlagen ist. Benommen bleibt Jupp eine Weile regungslos liegen. „Das kann ich auch oben in meiner Wohnung haben. Nur nicht so hart. Und mit meiner Katze. Und vor allem mit WÄRME.“

Jupp rappelt sich langsam auf und schaut sich um. Die Lichtverhältnisse sind mittlerweile so gedämpft, dass niemand seinen Abflug beobachtet hat. Zufrieden, aber mit schmerzverzerrtem Gesicht seine geprellte Hüfte reibend, schleppt sich „The Greatest of AK50“ zurück ins Haus. Genug Sport gemacht. Laut Wetterbericht soll es ja in den nächsten Tagen deutlich milder werden. Standard-Wetterbericht eben. „Dann, ja dann, werde ich es so richtig krachen lassen.“ Jupp nickt wieder einmal selbstzufrieden.

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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