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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Flucht nach vorne
Februar 2009 - by Oliver Keck

Jupp der EirenmänJupp schlägt gelinde gesagt gewaltig aus seiner Art. Als Homo Rheinländerus gibt er offen zu und erzählt es in der ihm typischen Art jedem, der es hören will – oder eben auch nicht – dass er mit Karneval überhaupt nichts anfangen kann. Wenn Andere sich die rote Pappnase ins Gesicht drücken, geht unsere Pappnase lieber trainieren. Aber dieses Jahr ist ernsthaft Gefahr in Verzug. Dieser blöde Winter mit dem abartig kalten Mistwetter will einfach nicht locker lassen und hält Deutschland fest in seinen Klauen.

Um sich aufzuheitern, hat unser Superman-Derivat seinen Hyper-Carbon-Boliden aus dem Keller geholt, um ihn ausgiebig zu polieren. Fahren will er damit noch nicht. So etwas kann er seinem Baby nicht antun, dafür hat er ja seine Winterschlampe. Aber auch die tut ihm jedes Mal leid, wenn er sie über die nassen und verdreckten Straßen bewegt. Nun, eigentlich wäre dies auch kein richtiges Problem, bei der Geschwindigkeit, die Jupp normalerweise anschlägt. Aber Jahreszeit bedingt liegt in der Ruhe eben die Kraft. Und von daher bevorzugt er momentan ein unterirdisch moderates Grundlagen-Tempo von 22.43 km/h, mit der er über seine Feierabendrunde hetzt.

Danach ist er völlig fertig und packt es gerade noch so, ein wenig seine Katzen zu kraulen, ein bisschen was zu lesen oder zu surfen und vor allem, die gigantisch hohe Kalorienzahl zu ersetzen. Immerhin hatte er gestern auf seiner Runde das Gefühl, dass seine Winterjacke, die er schon x-mal im Schrank vergraben und dann doch wieder hervorgeholt hat, ein wenig zu flattern begonnen hat. Das bedeutet nichts anderes als Substanzverlust. Diesem beugt der clevere Athlet vor. Sind es doch gerade diese Zahnstocher mit gerade einmal 60 Kilo Körpergewicht, die ständig krank sind und bei denen man exakt diese Ausrede auf den ersten Wettkämpfen der Saison im Frühjahr durchaus glauben kann.

Heute hat es aber so stark geregnet, dass er selbst sein Winterrad im Keller hat stehen lassen. Also wieder die Laufschuhe an und ein wenig durch die Gegend getrabt. Nach gefühlten 37,3 km kam Jupp laut prustend wieder zu Hause an. Der geneigte Leser wird verstehen, dass Jupp nur einmal seine 3.73 km lange Hausrunde unter die Sohlen genommen hat. Nach einer heißen Dusche fühlt Jupp kurz seine Lebensgeister zurückkehren und er wirft schnell noch sein Notebook an und loggt sich im Web ein. Das erste was er auf der Seite seines Netzbetreibers sieht, lässt ihm den Magen umdrehen: Sitzung des heimischen Elferrates – jetzt live im Videostream. Wer braucht solch einen Scheiß??

„Ich will hier raus…!!!“ Purple Schulz hatte es seiner Zeit nicht herzzerreißender Intonieren können. Seine Katzen sehen das ein wenig differenzierter und öffnen missmutig ein Auge, während sie sich auf der Wohnzimmercouch breit gemacht haben. Jupp träumt von sonnigen Radkilometern auf der Deutschen liebsten Baleareninsel und besucht die Homepage eines ihm bekannten Reise-Anbieters. Elektrisiert spritzt unser Eiermän von seinem Stuhl hoch. Nebenbei bemerkt, seine schnellste Bewegung des Jahres.
Was Jupp da liest, treibt ihn die Tränen der Rührung in die Augen. Genau das ist es, was er jetzt braucht: Rennrad-Karneval…für alle, die keinen Bock auf rote Nasen haben. Fünf Tag Malle für wenig Geld, Sonne und viele Radkilometer inklusive. Das eigene Pferdchen verpacken, wozu, es gibt doch Mieträder.

Jupp hängt den Telefonhörer aus und Minuten späten ist alles perfekt. In zwei Tagen geht es ab nach Frankfurt. Zufrieden lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück, der bedenklich zu quietschen beginnt. „Sommer, Sonne, Herzinfarkt“ von wem war das noch mal??? Ach ja, von einer Kölschen Band – das Einzige übrigens, was von dort kam und als vernünftig bezeichnet werden kann. Zeltinger Band – das waren noch Zeiten.
Schlagartig wird Jupp bewusst, dass er ja noch so viel organisieren muss. Unter anderen sollte er vielleicht schon einmal eine Mail ins Geschäft schicken, dass er ab Donnerstag Urlaub haben will. Da kann sich der Vorzimmer-Drachen morgen früh schon einmal bis zu seinem Erscheinen drum kümmern.

Sicher werden ihn alle für völlig durchgeknallt halten, in der für einen Rheinländer wichtigsten Jahreszeit nach Malle zu fliegen, um sich auch noch für teures Geld selbst zu kasteien. Aber das sind eben die unwissenden Maden, die sich nicht mit dem Heroismus eines einsamen Helden der Landstraße messen können.
Es kann eben nur ein Ziel geben: Eiermän, dann noch der Beste von allen. Mit einem guten Gefühl geht Jupp in die Küche und reißt die Kühlschranktür auf. „Ah, noch ein Stück Schweinshaxe von Wochenende, das ist genau richtig. Schließlich braucht man ja Substanz.“

 

Jupp der Eirenmän

 

 

 

 

 

 

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